Integration von unten: Holzkreuze 100 Zentimeter


Auf deutschen Friedhöfen bewegt sich was. Führte das Thema „islamische Bestattungen“ in Deutschland bisher eher ein Schattendasein, gibt es laut „Berliner Morgenpost“ seit wenigen Jahren so etwas wie eine kleine Revolution: immer mehr Kommunen ermöglichen auf ihren Friedhöfen Bestattungen nach islamischem Brauch. Auch in Berlin prüft der Senat derzeit, ob das Berliner Bestattungsgesetz hinsichtlich zweier zentraler Aspekte noch zeitgemäß ist: der frühstmöglichen Beisetzung erst nach einer Frist von 48 Stunden und der Sargpflicht.

Gerade auch auf dem Friedhof zeichnet sich in Deutschland ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel ab. So sprach jüngst Prof. Dr. Reiner Sörries als Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel anläßlich der dortigen Fachtagung am 22. Februar zum Thema „Muslime in deutscher Erde“ von einem „Trend hin zu einem multikulturellen Friedhof“. Wird von Integration geredet, erfährt das Thema mittlerweile sogar bundespolitische Beachtung: sprach sich doch auch die vom Bundesinnenminister ins Leben gerufene „Deutsche Islam Konferenz“ auf ihrer 3. Sitzung am 13. März für vergleichbare Regelungen und Lösungsmöglichkeiten in den Ländern aus.

Doch was ist das Besondere an einer islamischen Bestattung? Der zu vollziehende Ritus ist eine komplexe Handlung, die je nach Tradition und Kultur islamisch geprägter Länder geringe Abweichungen erlaubt. Die islamische Religionsgemeinschaft in Hessen (IRH) beispielsweise stellt hierzu zur Orientierung einen kurzen „Konsens aller islamischen Rechtsschulen weltweit“ ins Internet: demnach gehören zu den rituellen Handlungen die Ganzwaschung des Verstorbenen durch eine Person des gleichen Geschlechts und die Bedeckung durch spezielle Leichentücher nach festgelegten Bestimmungen. Danach erfolgt das Totengebet unmittelbar vor der Beerdigung vorzugsweise auf dem Friedhof. Die Beerdigung des Verstorbenen sollte ohne Zeitverzögerung zum nächst möglichen Zeitpunkt erfolgen. Der Verstorbene wird im Grab auf die rechte Seite mit dem Gesicht Richtung Mekka gelegt. Die Anlage der Grabstätte sollte dieses hinsichtlich ihrer Ausrichtung ermöglichen. Auch wird der Verstorbene nur mit den Leichentüchern bedeckt ohne Sarg in die Nische des Grabes gelegt und beerdigt. Für Muslime ist ausschließlich die Erdbestattung erlaubt. Generell legen Muslime Wert auf ein separates Grabfeld. Dieses besteht in Deutschland meist aus einem eigens für islamische Bestattungen ausgewiesenen Teil auf einem kommunalen Friedhof.

Mittlerweile bestehen bereits ca. 200 islamische Grabfelder auf kommunalen Friedhöfen. Tendenz steigend. Noch allerdings werden ca. 90% aller verstorbenen Muslime in ihre ursprünglichen Heimatländer überführt. Eine Beisetzung in Deutschland ist alles andere als der Regelfall. Bei den hier beigesetzten Personen handelt es sich vor allem um Kinder, deren Eltern in Deutschland eine dauerhafte Heimat gefunden haben. Bei hier bestatteten Erwachsenen ist häufig eine Beisetzung im Heimatland aus verschiedenen Gründen nicht möglich.
Welche Faktoren spielen bei der Wahl des Bestattungsortes eine Rolle? Bei Einwanderern der älteren Generation kommen emotionale Verbundenheit mit dem Heimatland und familiäre Bindungen zum Tragen. Aber auch die Frage nach den Kosten und der finanziellen Absicherung im Sterbefall spielt eine Rolle. Denn eine Überführung ins ehemalige Heimatland ist oftmals preisgünstiger als eine Bestattung in Deutschland.
Doch auch kulturelle und religiöse Hindernisse lassen muslimische Mitbürger von einer Beisetzung ihrer Verstorbenen auf deutschen Friedhöfen Abstand nehmen. So stehen deutsche Bestattungsgesetze in einigen Punkten im Widerspruch zu den Vorstellungen der islamischen Tradition. Deutsche Friedhöfe sehen für Gräber eine begrenzte Ruhezeit von ca. 20-25 Jahren vor, die zudem auf einfachen Reihengräbern nicht verlängert wird. Um die Möglichkeit eines Scheintods auszuschließen, wird in der Regel erst nach einer Frist von 48 Stunden beigesetzt. Meist ist die Verwendung eines Sarges aus hygienischen Gründen strikt vorgeschrieben.

Trotz dieser Unterschiede wählt ein kleiner aber zunehmender Teil der hier lebenden Muslime ganz bewußt Deutschland als Bestattungsort. So haben Muslime gelernt, sich auf die hiesigen Bedingungen einzustellen. Mittlerweile hat sich im Bereich „islamische Bestattungen“ sogar ein professioneller Gewerbezweig mit einem entsprechenden Dienstleistungsangebot entwickelt. Da eine Fatwa der „Akademie für islamisches Recht in Mekka“ die Beisetzung in Holzsärgen in Ausnahmefällen ermöglicht, bietet die islamische Abteilung des größten deutschen Bestattungsinstituts mittlerweile den „islamischen Sarg mit islamischer Sargdecke“ aus unbehandeltem Vollholz an.

Das Bestattungswesen ist Angelegenheit der Bundesländer. Einige haben schon die Zeichen der Zeit erkannt und in Puncto „islamische Friedhöfe“ weitgehende Umwälzungen veranlaßt. Inzwischen lassen manche Bundesländer Ausnahmen von der 48-Stunden-Regelung zu. Auch die Bestattung nur in Leichentüchern ist mancherorts bereits möglich. Und Berlin? In der Hauptstadt haben islamische Bestattungen schon lange Tradition. Der historische Türkische Friedhof am Columbiadamm ist der älteste islamische Friedhof in Deutschland. Doch der gehört der Türkei und auf diesem wird nicht mehr beigesetzt. Für islamische Bestattungen auf dem angrenzenden landeseigenen Friedhof Columbiadamm und dem Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau gilt: Bestattung im Sarg und keine Ausnahme von der 48-Stundenfrist aus religiösen Gründen.

Doch jüngst hat eine parlamentarische Anfrage der Angelegenheit neues Leben eingehaucht. Nun will der Senat „prüfen“, ob alternative Regelungen aus anderen Bundesländern übernommen werden können. Bleibt zu hoffen, daß dem auch Taten folgen und nicht wieder eine gute Idee nach kurzer Zeit zu Grabe getragen wird. Denn in Deutschland soll ja auch auf dem Friedhof alles seine Ordnung haben. Besonderen Tiefgang beweist schon jetzt der Friedhof in Spandau: In den 1998 eigens für die islamische Abteilung erlassenen Gestaltungsvorschriften heißt es unter anderem zum Thema „Grabmalvorschriften“ im Absatz „c“:  „Holzkreuze – Höhe 100 cm, Breite 60 cm, Stärke bei Bohlen mindestens 4 cm, Stärke bei Kanthölzern mind. 12 cm“. Wenn das nicht deutsche Gründlichkeit ist! Integration fängt eben ganz unten an. Allah sei mit uns.

Quellen:

  • Multikulti auch auf dem Friedhof, Berliner Morgenpost vom 24.02.2008; URL: http://www.morgenpost.de/printarchiv/panorama/article165791/Multikulti_auch_auf_dem_Friedhof.html
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