Kein Muezzin für Springfield?

Die Simpsons und der Islam

Grünes Licht fällt auf die Evergreen Tarrace: Die erste Moschee in Springfield öffnet ihre Tore. Während Ned Flanders versucht, in den frühen Morgenstunden mittels Ohropax den Heimsuchungen des unchristlichen Gebetsrufs zu entkommen, macht sich Marge Simpson auf, ihre Familie für zivilgesellschaftliches Engagement bei der Einweihungsfeier der neuen Gebetsstätte zu begeistern. Ihr Mann Homer hingegen glänzt durch die Aufstellung eines Bier- und Hotdog-Standes zur Feier des Ramadan, und Lisa doziert über die Rolle der Frau in monotheistischen Religionen.

So oder ähnlich könnte man es sich ausmalen. Doch schaut man hinter die Kulissen der fiktiven Stadt Springfield irgendwo in den USA, sucht man nach dem Islam fast vergebens. Dabei wurde in der von Matt Groening 1987 geschaffenen Kultserie bisher so ziemlich jedes Thema mit einer ironisch-humoresken Betrachtung gewürdigt. Mit den Simpsons lassen sich komplexe naturwissenschaftliche Theorien ebenso einfach darstellen, wie große philosophische Menschheitsfragen oder gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Die Stärke der Serie liegt in ihrer subtilen Vorgehensweise. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben werden Umweltzerstörung angeprangert, religiöse Doppelmoral entlarvt und patriarchale Familienstrukturen kritisiert. Durch die Vielschichtigkeit der Charaktere können sich auch Nicht-US-Amerikaner mit der Serie identifizieren, die hinsichtlich kontroverser Themen angenehm entkrampfend wirkt. Doch warum fehlt der Islam? Während das Christentum in seiner eigentümlich US-amerikanischen Ausprägung in Person von Ned Flanders stilvoll karikiert wird, finden andere Religionen immerhin Erwähnung.

Leben die Simpsons und Muslime in zwei verschiedenen Welten? Nicht ganz: denn auch vor  arabischen Bildschirmen kam es kurzzeitig zum gelben Couchgag. Pünktlich zum Ramadan im Oktober 2005 wurde die Serie mit hohen Erwartungen vom medienmächtigen Sender MBC unter dem Namen „Al Shamshoon“ zur Primetime eingeführt. Die Lizenz der 20th Century Fox dürfte nicht billig gewesen sein. Doch sehr zum Ärger vieler arabischer Fans wurde das Original den Gepflogenheiten islamischer Länder entsprechend angepaßt: auch eine Fernsehserie, die konvertiert, nimmt neue Namen an. Homer heißt nun Omer, aus Bart wird Badr und Springfield erlebt als Rabeea einen neuen Frühling. Doch auch ganze Szenen wurden entsprechend geändert. Homer muß sittenkonform ohne Duffbeer und Bacon auskommen und darf sich statt dessen an Soda erfrischen. Sein Lieblingsort, die heruntergekommene Taverne Moe’s existiert erst gar nicht. D’OH!

Selbstredend wurden heiße Eisen wie die Folge „Homer the Heretic“ oder die Erwähnung der jüdischen Vorfahren von Krusty dem Clown nicht angefaßt. Aber man darf auch nicht zu viel erwarten. Was hier allzu flanderesk erscheint, hat doch einen konkreten Hintergrund. Entscheidend ist wohl der saudiarabische Markt. Nicht zuletzt geht es um Zielgruppe, Sendezeit und Quoten. Vier Tage nach Ramadan mußten die Shamshoons nach 34 von 52 Folgen den besten Sendeplatz schon wieder räumen. Zwar wurde der Adaption hinsichtlich der Besetzung der Synchronsprecher (der ägyptische Schauspieler Mohamed Henedy als Omer) einiges Geschick nachgesagt, doch geriet die Serie letztlich zum Flop. Allgemeiner Tenor: nicht lustig!

Wäre es nach einem der Skriptautoren, Amr Hosny, gegangen, hätte man aus der Serie weit mehr machen können: statt auf bizarre Weise Einzelheiten anzupassen, gab es am Anfang die Idee, aus Springfield ein fiktives „Little Arab Town“ zu machen. Dann hätte man auf jeden Fall plausibel machen müssen, warum mitten in Amerika eine ganze Community existiert, bei der durch kultursensible Anpassungen so viel Amerikanisches verloren gegangen ist. Doch Hosny konnte sich mit vielen Gestaltungsvorstellungen nicht gegen die saudischen Inhaber von MBC durchsetzen. Er nahm seinen Hut.

Aber welche Rolle spielt der Islam daheim in Springfield? Religion ist Dauerthema bei den Simpsons. In der Regel steht dabei das evangelikale protestantische Christentum im Mittelpunkt. Allerdings durfte auch schon der Hindugott Vishnu als Gaststar auftreten. Mit Krusty dem Clown, der sich in einer Folge mit seinem Vater, dem Rabbi Hyman Krustofski, versöhnt, ist das Judentum vertreten. Apu, der Besitzer des Supermarktes Kwik-E-Mart, ist Hindu. Mit Lisa Simpson wird der Buddhismus durch eine Hauptrolle besonders gewürdigt.

Doch gibt es keine Rolle für einen Muslim in Springfield. Bisher wurde der Islam als Religion nicht eigens thematisiert. Auch die Suche nach Simpsons-Zitaten in diversen Internet-Foren bringt nur wenige Resultate hervor. Diese nennen zudem den Islam in einem Atemzug mit anderen Religionen. Die Episode „Screeming Yellow Honkers“ läßt Homer ausrufen: „I’m gonna die! Jesus, Allah, Buddha, I love you all!“ und in der Folge „Grift of Magi“ setzt der Clown Krusty zum interreligiösen Rundumschlag an: „So, have a merry Christmas, happy Chanukha, kwazy Kwanza, a tip-top Tet, and a solemn, dignified Ramadan. And now a word from my god, our sponsors!“ In einem Ausflug nach Shelbyville, der Nachbarstadt von Springfield, kommen die Simpsons in der Folge „The Seven-Beer Snitch“ in den Genuß des „Song of Shelbyville“ in dem es heißt, daß gerade Shelbyville die Heimat von Christen, Muslimen und Juden sei, obgleich dies weniger für die letzten beiden gelte.

Angesichts der über zwanzigjährigen Geschichte der Simpsons muß ein Fehlen des Islam erstaunen. Die Fans hätte man gerade nach dem 11. September mit einem Feature zum Islam wohl kaum überfordert. Als Reaktion auf den „patriot act“ läßt sich wohl die Folge „Bart-Mangled Banner“ verstehen. In dieser Episode werden die Simpsons wegen unamerikanischen Verhaltens in ein Umerziehungslager gesteckt. Prominenter Mitinsasse: Michael Moore. Eben diese Folge karikiert auch stereotype Bilder typischer Straßenszenen in islamisch geprägten Ländern, wie sie in westlichen Nachrichten dominieren: eine frenetisch feiernde Menge reckt Homer-Bilder in den Himmel.

Nach Al Jean, dem Produktionsleiter der Simpsons, ist die Antwort simpel: Es gibt einfach keine Muslime im Produktionsteam. Da sich niemand für einen authentisch-islamischen Humor verantwortlich zeichnen könnte, übt man sich bisher in Zurückhaltung.

Quellen:

Mark I. Pincky, The Gospel according to the Simpsons, Westminster John Knox Press, Louisville, Kentucky, 2007

Yasmine El-Rashidi, Artikel: „D’oh! Arabized Simpsons not getting many laughs“, in: Pittburgh Post Gasette vom 14. Oktober 2005, URL: http://www.post-gazette.com/pg/05287/588741.stm

Richard Poplak , Artikel: „Homer’s odyssey – Why The Simpsons flopped in the Middle East“ in: Canadian Broadcasting Corporation, 25. Juli 2007, URL: http://www.cbc.ca/arts/tv/dubai.html

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