No Pasarán – Nazis einfach stehen lassen!

Kein Naziaufmarsch in Dresden. Gegen viertel vor fünf am winterlichen Samstagnachmittag war es offiziell. Wir haben gewonnen. Die Polizei hatte den massiven Aufmarsch von Rechtsradikalen in der Dresdner Neustadt nicht ermöglichen können. Die Sicherheit sei nicht zu gewährleisten gewesen. Über Stunden hatten sich einige tausend Aktivisten der Gegendemonstrationen auf eine Auseinandersetzung mit der Ordnungsmacht gefasst gemacht. Und das stundenlange Warten wurde belohnt. Es gelang, sich dem „Gedenkmarsch“ der Nazis erfolgreich in den Weg zu stellen.

Der Erfolg der Aktionen ist vor allem der guten Organisation zu verdanken. Die Bündnisse „Dresden Nazifrei“ und „No pasarán“ hatten es verstanden, nicht nur erfolgreich bundesweit über 12.000 Menschen anzulocken und bei nasskaltem Wetter auf den Straßenkreuzungen der Dresdner Neustadt auszuharren. Sie haben es auch vermocht, die dezentral aufgestellten Blockaden so geschickt zu koordinieren, dass ein Durchkommen für den braunen Spuk einfach nicht möglich war.

Trotz einiger Übergriffe von rechten Schlägern im Umfeld der Protestaktionen verhielten sich die Teilnehmenden ruhig und besonnen. Kaum jemand ließ sich zu nennenswerten Einzelaktionen provozieren. Im Gegenteil. Nach anfänglich nervöser Stimmung wegen des massiven Polizeiaufgebots wechselte die Stimmung immer mehr zu entschlossener Zuversicht. Begleitet von musikalischen Beiträgen von Konstantin Wecker und Jochen Distelmeyer füllten wesentlich mehr Menschen den Albertplatz, als von den Veranstaltern erwartet. Besondere Achtung verdienen aber vor allem jene, die an den anderen Plätzen weitgehend ohne Programm auskommen mussten und trotzdem dort geblieben sind.

Wie „gefährlich“ eine Blockade sein kann, zeigte der Abschlussappell: wie selbstverständlich fragte die Veranstaltungsleitung über die Lautsprecheranlage bei der umliegenden Wohnbevölkerung nach Mülltüten an, um den hinterlassenen Abfall der Demo selbst entsorgen zu können.

Die Tatsache, dass ein Jahrestag wie dieser tausende Neonazis nach Dresden mobilisiert, ist schon unappetitlich genug. Zum Skandal wird das ganze dann, wenn Gegendemonstrationen verboten, und Zivilcourage kriminalisiert wird. Der Autor war an diesem Wochenende auch privat in Dresden und hat die Gelegenheit genutzt, sich auf der Blockade mit Bekannten zu treffen. Nach Berichten von Dresdnern wurde der Protest gegen den Naziaufmarsch im Vorfeld aufs Peinlichste juristisch behindert und diffamiert. Das „offizielle“ Dresden hatte als Aktion eine „Menschenkette“ in der historischen Altstadt organisiert. Von der Symbolik nicht falsch, aber harmlos. Den Aufmarsch in der Neustadt verhindert hätte diese wohl kaum. Lediglich für schöne friedvolle Bilder in den Medien war gesorgt. Auch das offizielle abendliche Gedenkprogramm an der Frauenkirche war durchaus stilvoll inszeniert. Angesichts der Tatsache aber, dass sich tagsüber die Nazis genau an jenem Bahnhof versammelten, an dem einst zigtausende Menschen in die Konzentrationslager deportiert worden sind, hatte die Belanglosigkeit des offiziellen Programms einen üblen Beigeschmack. Richtig ruiniert aber wird das Image der Stadt auch noch im Nachhinein. Nicht nur, dass sich die Stadtführung medial erdreistet, den Erfolg einer Verhinderung des Aufmarsches für sich zu verbuchen. Nein, der Protest in der Neustadt soll auch im Nachhinein noch kriminalisiert werden. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie gegen Blockierer ermittelt.

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Über jensmartinrode

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