Castor schlottern

Protestkultur auf Deutsch: während man sich in anderen Ländern oft selbst in Gefahr begibt, wenn man seinen Unmut auf die Straße trägt, scheint in unserem Lande alles schön ordentlich geregelt zu sein. Selbst eine Großdemonstration von zigtausend Castorgegnern kennt ihre Rituale. Ein Protest zum mitmachen, der auch bei aktionsunerfahrenen Menschen Lust auf mehr macht.

Es sind die ganz normalen Leute, die derzeit auf die Straße gehen. Nicht Berufsrevolutionäre oder Politiksektierer haben derzeit das Heft in der Hand. Die Aktionen gegen Atomkraft und Castortransporte sind ein Jedermansprotest. Und da wir in Deutschland leben, gab es reichlich Gelegenheit, sich auf das Wendland gut vorzubereiten. Auch wenn man nicht schon im Vorfeld eines der zahlreichen Aktions- und Blockadetrainings absolviert hat, konnte man z.B. im Camp Gedelitz von X-tausend-mal-quer das notwendige Wissen noch nachholen.

Fast in Sichtweite des Zwischenlagers hatte X-tausend-mal-quer Quartier bezogen, um mit einigen hundert Aktivisten zur Blockade des Zwischenlagers aufzubrechen. Da die Behälter mit ihrer strahlenden Fracht mittlerweile nun schon zum 12. Mal ins ehemalige Zonenrandgebiet unterwegs waren, war auch der Protest routiniert und aufs Beste durchorganisiert. Bevor es richtig „ernst“ wurde, gab es noch ausreichend Gelegenheit,  den „klassischen“ Ablauf dieser Aktion des „Zivilen Ungehorsams“ einzuüben. Jemand, der so etwas noch nie gemacht hat, wird von X-tausend professionell an die Hand genommen. Sich in Bezugsgruppen zu organisieren, basisdemokratische Entscheidungsfindung, etwas Strategie, um zum Aktionsort zu gelangen, Polizeiketten durchfließen und dann wegtragen lassen….  X-tausend legt dabei ebenso viel Wert auf die Gewaltfreiheit, wie auf Entschlossenheit und Transparenz der Aktionen.

Die Sitzblockade vor dem Zwischenlager war eine eher einfach zu bewerkstelligende Protestaktion. Die Schwierigkeit lag vor allem darin, über einen Zeitraum von möglicherweise mehreren Tagen hunderte Protestierer auf der Straße zu halten, während andernorts direkte Aktionen bereits voll im Gange sind. Aus diesem Grund wurde die Blockade auch vom Unterstützungsteam von X-tausend mit allem Erdenklichen versorgt. Hatte man sich im Vorfeld auf ein Ausharren auf einsamer Landstraße gefaßt gemacht, wurde man durchaus überrascht. Bei Musikprogramm und Pizzaofen oder Kickern gegen Atomkraft geriet die Blockade fast zu einem ausgelassenen Volksfest und auch die Nächte bei Minusgraden mit Isomatte und Schlafsack erschienen halb so unbequem. Das andernorts sich bereits die „Schotterer“ ihre Prügel bei der Polizei abholten und die Schienenblockade „Widersetzen“ stundenlang eingekesselt wurde, gab der Blockde fast schon einen dekadenten Anstrich. Doch hatte das Programm auch seine Berechtigung. Um weit mehr als tausend Leute auf der Straße zu halten, ohne das in absehbarer Zeit etwas passiert, muss man die Leute auch beschäftigen. Mit wachsendem Erfolg der anderen Blockaden wuchs hier schließlich auch die Wartezeit.

Erfolg oder Nichterfolg von Sitzblockaden hängt entscheidend davon ab, rechtzeitig in ausreichender Anzahl den Aktionsort zu erreichen. Da zudem auf verschiedenen Wegen das selbe Ziel angestrebt wird, ist die Aktion schwer aufzuhalten. Die Polizei hatte erst einen Tag später mit der Blockade gerechnet und zeigte sich überrascht. So konnte die Straße ohne Probleme eingenommen werden.

Dann hieß es ausharren und warten bis zum Moment X, wenn geräumt wird. Dass die Blockade aufgelöst werden wird, war unumgäglich. Das war jedem Beteiligten von Anfang an klar. Genau auf diesem Moment hatte man sich in den Trainings ja vorbereitet. Das Prozedere wirkt routiniert – auf beiden Seiten. Drei mal fordert die Polizei auf, den Ort zu verlassen und droht mit Anwendung „einfacher Gewalt“. Geräumt wird ohne Helm. An unserer Stelle verrichten Beamte aus Niedersachsen  und vom Bundesgrenzschutz ihren Dienst. Trotz sichbarem Schlafdefizit verhalten sich die Staatsdiener äußerst korrekt. Dabei ist das Wegtragen von hunderten Personen mit sichtbarer Anstrengung verbunden.

Der Castor hat sein Ziel erreicht. Mit erheblicher Verspätung. Die Proteste waren ein riesiger Erfolg. Es wurden mehr Menschen mobilisiert, als je zuvor bei einer Blockade im Wendland. Und das nächste Mal kommen noch mehr Menschen ins Wendland. Einmal wird ein Castor der letzte sein. Und der Preis der Castortransporte wird in Zukunft noch steigen. Schlug der Einsatz von 20.000 Beamten jetzt schon mit 25 Mio. Euro zu Buche, sind die Kosten beim nächsten Einsatz kaum abschätzbar.

Der Ruhm gebührt den Wendländern. Der Erfolg der Blockaden hing entscheidend von den Aktionen im Hintergrund ab. Mal waren es die Trecker, die plötzlich nicht mehr ansprangen, ein anderes Mal 1000 Schafe, die zufällig auf der Straße weideten… stets wurden die Nachschubwege abgeschnitten, so daß die Polizei nicht überall sein konnte. Nicht jede Aktion musste dabei gleich spektakulär aussehen.

Der nächste Castor wird kommen. Die Blockade auch. Aber auch für andere Aktionen ist ein Blockadetraining bei X-tausend-mal-quer zu empfehlen. Dass Proteste so glimpflich ablaufen ist nicht selbstverständlich. In Stuttgart gab es andere Bilder.

 

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