Auf den Spuren der Steine


Ein Spaziergang über den Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee

Wenn man an einem jüdischen Grab vorbei geht, legt man einen Stein auf das Grab. Dieser Brauch aus nomadischer Vorzeit soll den Ort der Verstorbenen davor bewahren, in Vergessenheit zu geraten. Auch wilde Tiere sollten daran gehindert werden, sich an einem Leichnam schadlos zu halten. Seit der Antike benutzten dann sesshaft gewordene Völker kleine Steine, um den Fels vor einer Grabhöhle zu befestigen. So hat sich dieser Brauch gehalten. Bis heute.

Hinter Steinen und Mauern verbirgt sich manchmal auch ein Stück Vergangenheit, die von dem, der sie sucht, entdeckt werden will. Der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee könnte kaum zentraler gelegen sein. Und doch ist er ein Ort, an dem man zumeist vorbei geht. Anders als in Prag winden sich hier keine Touristenschlangen zwischen den Grabfeldern, etwa des Malers Max Liebermann oder des Verlegers Leopold Ullstein.

Das etwa 5 Hektar große Gelände mit seinen 22.800 Gräbern scheint sich beharrlich der Gegenwart zu entziehen. Es schenkt dem Besucher einen Blick in das längst vergangene 19. und 20. Jahrhundert. Doch ist hier vieles auch nur zu erahnen durch die Patina der Verwüstungen, welche die Nazizeit auf ihm hinterlassen hat. Auch der lange Schlaf, zu dem dieser Ort bis in die Gegenwart bestimmt war, hat seine Schleier gerade erst gehoben.

Man sollte den Friedhof erst einmal umrundet haben, bevor man ihn durch den unscheinbaren Eingang an der Schönhauser Allee betritt. Das augenfälligste Merkmal ist wohl der „Judengang“, welcher sich entlang der hinteren Friedhofsmauer etwa 400 Meter lang zwischen dem Senefelder- und dem Kollwitzplatz seinen Weg durch dichte, mittlerweile sanierte Bebauung des Prenzlauer Berges bahnt. Nur zwei Lücken in der Fassade deuten jeweils an, dass es hier einen Zugang zum Friedhof gibt. Dieser steht heute jedoch nur Führungen offen. Der Legende nach wollte der preußische König Friedrich Wilhelm der III. auf seinem Weg zum Lustschloss Schönhausen keinem Leichenzug begegnen und ordnete somit das Betreten des Friedhofs durch den Hinterausgang an.

Der Friedhof wurde hauptsächlich zwischen den Jahren 1827 und 1880 genutzt. Nach der Eröffnung des Friedhofs in Weissensee fanden dann nur noch gelegentlich Beisetzungen statt. Die Anlage der Gräber bezeugen die teilweise Emanzipation des Judentums im 19. Jahrhunderts und die Assimilierung an die bürgerliche Kultur dieser Zeit. Diese Entwicklung ist auch im 2005 neu errichteten „Lapidarium“ anhand von Grabsteinen aus verschiedenen Epochen dokumentiert. Wesentliches über jüdische Bestattungsriten lässt sich hier ebenso erfahren. Die dezente schlichte Gestaltung des Gebäudes ergänzt das Ambiente angenehm unspektakulär.

Der jüdische Friedhof bietet einen wohltuenden Kontrast zu seinem Umfeld. Er lässt einen die rasanten Veränderungen in diesem Bezirk für einen Moment vergessen.

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