Islamische Bestattungen jenseits der Integrationsdebatte


Mitten in der aufgeregten Integrationsdebatte hat die Stadt Berlin islamische Bestattungen ohne Sarg ermöglicht. Hiermit wird nicht nur einer sich wandelnden Bestattungskultur Rechnung getragen. Muslimen soll die Entscheidung erleichtert werden, sich mit der Wahl der Grabstelle dauerhaft an Berlin als Lebensumfeld zu binden. Die Aufhebung der Sargpflicht ist hierbei ein richtiger Schritt.

Friedhöfe als Spiegel der Gesellschaft

Wenn man über das Leben in einer Stadt etwas erfahren möchte, sollte man die Toten fragen. Kein anderer Ort gibt darüber so bereitwillig Auskunft, wie die Friedhöfe. Sie sind die Spiegel einer Gesellschaft. Denn wie ein Gemeinwesen mit seinen Verstorbenen umgeht, so behandelt es auch die Lebenden. Im Tod sind alle Menschen gleich, doch stirbt bekanntlich jeder für sich allein. Und gerade das Sterben macht die Unterschiede zwischen den Menschen  in  Religion, Kultur und sozialer Stellung besonders deutlich.

An der sich rasant ändernden Bestattungskultur kann man das Selbstverständnis einer Gesellschaft besonders gut ablesen. Galt zum Beispiel der kommunale Friedhof einst als Errungenschaft der bürgerlich, aufgeklärten und säkularen Gesellschaft, so tritt heute eher der Individualismus in den Vordergrund. Mit anonymen Beisetzungen oder Friedwäldern werden neue Formen der Bestattung zunehmend beliebter. Immer häufiger wird auch über Weltraumbestattungen oder die Diamantpressung der Asche von Verstorbenen in einem Ring nachgedacht. Neben der Urne im Wohnzimmer existieren „virtuelle“ Friedhöfe in den Weiten des Internet. Die klassische Form einer Bestattung auf einem kirchlichen oder kommunalen Friedhof wird bald nur noch eine der vielen Möglichkeiten sein, die letzte Ruhe zu finden.

Islamische Bestattung auf kommunalen Friedhöfen

Nicht nur die individuellen Vorstellungen über eine pietätvolle Bestattung sind immer vielfältiger geworden. Auch die Gesellschaft insgesamt hat sich geändert. Durch den Prozess der Globalisierung ist Deutschland ein Einwanderungsland geworden. Mit der sichtbaren Präsenz von Mitbürgern aus anderen Kulturkreisen ist auch die Vielfalt gesellschaftlicher Lebenswirklichkeiten gewachsen. Seit der Arbeitsmigration der 60’er Jahre haben Mitbürger aus muslimisch geprägten Gesellschaften nicht nur den Islam mitgebracht, sondern auch ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse in Hinblick auf eine würdevolle Bestattung.

Zwar bevorzugen die Hinterbliebenen überwiegend eine Überführung der Verstorbenen in das jeweilige Herkunftsland, doch finden zunehmend auch islamische Bestattungen auf Friedhöfen in Deutschland statt. Bisher jedoch war eine islamische Bestattung in Deutschland mit einigen Einschränkungen verbunden. Denn vor dem Sterben hat der Gesetzgeber die Paragraphen gesetzt. Da muslimische Kulturvereine und Verbände z.B. keine Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, konnten sie in Deutschland – anders als die Kirchen – bisher auch keine eigenen Friedhöfe betreiben. So bleibt nur die Möglichkeit einer Bestattung auf den kommunalen Friedhöfen. Doch gerade hier hier boten bis vor wenigen Jahren die Friedhofsordnungen kaum Möglichkeiten, eine Beisetzung nach islamischen Vorstellungen durchzuführen.

Zu einer islamischen Bestattung gehört ein fester Ritus. So erfolgt nach der zeremoniellen Waschung und Einkleiden des verstorbenen Menschen das Totengebet. Diese Teile des Brauchtums können Muslime in Deutschland meist ohne Probleme durchführen. Doch anders sieht es dann mit der Beisetzung aus. Denn der Islam sieht eigentlich eine Bestattung ohne Sarg vor. Der Leichnam wird traditionell lediglich im Leichentuch und möglichst am selben oder am folgenden Tage beigesetzt. Beides war bis vor einigen Jahren nach den Bestattungsgesetzen der Bundesländer nicht möglich. Doch hier hat auf kommunaler Ebene mittlerweile ein Umdenken eingesetzt. Um den Muslimen die Ausübung eines bedeutenden Teils ihrer religiöse Alltagspraxis zu erleichtern, wurden in zahlreichen Bundesländern Bestattungsgesetze entsprechend geändert.

Das neue Integrationsgesetz

Auch in Berlin ist seit diesem Jahr eine Bestattung ohne Sarg möglich. Dem im Dezember 2010 beschlossenen Integrations- und Partizipationsgesetz der Stadt Berlin folgt die Novelle zahlreicher anderer Gesetze. So werden etwa im Feiertagsgesetz „kirchliche“ zu „religiösen“ Feiertagen umbenannt. Und eben die Bestattungen sind aus religiösen Gründen nun auch ohne Sarg möglich. Dieses gilt übrigens nicht nur für Muslime.

Doch die Bestattung ohne Sarg ist dabei eher ein Nebenaspekt des Gesetzes. Dieses hat im Wesentlichen zum Ziel, den Anteil der Mitbürger mit Migrationshintergrund in der Verwaltung zu erhöhen, um dort mehr interkulturelle Kompetenz zu verankern. Doch die Novellierung der Bestattungsregeln ist ein sehr wichtiges und notwendiges Ergebnis. Denn hier wird der veränderten Lebenswirklichkeit einer von ihrer Vielfalt geprägten Stadt Rechnung getragen.

Die Beerdigung von verstorbenen Mitbürgern anderen Glaubens ist ein Thema, welches von sich aus schon einen pietätvollen Umgang erfordert. Dankbarerweise eignet es sich kaum für eine oberflächliche Politisierung. Gar nicht stark genug kann hier beton werden, dass muslimische Mitbürger immer häufiger den Wunsch äußern, in Deutschland ihre letzte Ruhe zu finden. Dies ist in der derzeitigen Integrationsdebatte ein starkes Signal. Denn mit einer Bestattung auf einem der kommnalen Friedhöfe bindet sich eine Familie dauerhaft an Berlin und wählt die Stadt zu ihrem Lebensmittelpunkt.

Aufschlussreich ist auch der pragmatische Umgang von Muslimen mit diesem Thema. Befragt man etwa Bestattungsunternehmer zu den Beerdigungsbedingungen hier in Deutschland, so erfährt man, wie unaufgeregt Muslime selbst mit diesem Thema umgehen. Zwar entspricht eine Beisetzung lediglich im Leichentuch den Erfordernissen der Tradition und dem Wunsch vieler Muslime. Doch werden diese Bedürfnisse keineswegs offensiv eingefordert. Im Gegenteil. Muslime haben sich häufig mit der Bestattung im Sarg arrangiert und scheinen diesem Aspekt weniger Bedeutung beizumessen, als es die Debatte, die von nichtmuslimischer Seite um dieses Thema geführt wird,  vermuten lässt. Dennoch ist die Gesetzesänderung ein richtiger und überfälliger Schritt. Denn innerhalb einer sich ohnehin ändernden Bestattungskultur schafft sie für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen mehr Selbstbestimmung auch über den Tod hinaus. Das Thema der Bestattungen von Muslimen auf Berliner Friedhöfen sollte deswegen jenseits der Integrationsdebatte als das betrachtet werden, was es ist. Ein Stück Selbstverständlichkeit.

Literaturtipp: Magisterarbeit Integration von unten PDF

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