Stichwort Syrien: Werden Sie Chemiewaffenexperte! Eine Anleitung in sechs Schritten


Beweisen Sie langen Atem: Die Urheber der Giftgasangriffe vom 21. August 2013 auf die östlichen Randgebiete von Damaskus stehen offiziell noch immer nicht fest. An Fakten, Indizien, Augenzeugenberichten und Quellen mangelt es zwar nicht. Dennoch bleibt auch ein Jahr danach viel Spielraum für Spekulationen. Lernen Sie hier von den besten Onlinetrollen, wie sie den „Mainstreammedien“ ein Schnippchen schlagen und in jeder Diskussion punkten:

 

1) Gut gezweifelt ist halb gewonnen

Keine Sorge: Sie sind bereits auf der sicheren Seite! Nichts ist langweiliger, als die etablierte Darstellung in den Medien zu referieren. Sie brauchen sich kein überzeugendes Gesamtbild der Ereignisse zu verschaffen oder fundiertes Detailwissen zu erwerben. Alles, was notwendig ist, bringen Sie bereits mit: Sie sind Kritiker! Wie plausibel und gut begründet eine Darstellung auch sein mag… machen Sie sich interessant und signalisieren Sie Ihrem Gegenüber: „Von denen lässt sich jemand wie ich doch nichts erzählen!“

Vorsicht Fakten: Es gibt eine Reihe von Quellen, auf deren Grundlage sich Interessierte ein plausibles Bild von den Ereignissen machen könnten. Folgende Darstellungen beruhen auf vor Ort erhobenen Fakten und Augenzeugenberichten. Allerdings legen sie oft den Schluss nahe, dass das syrische Regime für die Angriffe verantwortlich ist:

Der Bericht der Vereinten Nationen vom 16. September 2013: Die UN Inspektoren berichten nicht nur, dass Sarin als Gas benutzt worden ist, sondern auch wann und wo. Sie benennen die gefundenen Munitionsreste und vollziehen anhand der Einschläge an zwei weit voneinander entfernt liegenden Orten die Richtung nach, aus der die Geschosse kamen. Brisant: Der UN Bericht nennt den Abschussort allein deswegen nicht, weil er dazu kein Mandat hatte. Zeichnet man anhand der Angaben die Flugbahnen aber nach¸ kommt als Abschussort nur das Gebiet des Regimes in Frage.

Der Bericht von Human Rights Watch vom September 2013: Was den Bericht der Menschenrechtsorganisation glaubwürdig macht, ist die Tatsache, dass sie plausibel macht, wie sie ihre Erkenntnisse gewonnen hat. Angaben beruhen auf Interviews mit Augenzeugen und einem aufwändigen Vergleich von Bildern und frei zugänglichen Quellen im Internet durch den renommierten Blogger Eliot Higgins. Die Erkenntnis: Die verwendete Munition gehört zum Bestand er Syrischen Armee und wurde vor dem Giftgasangriff noch nie in der Hand der syrischen Opposition gesehen.

Keine Sorge: Die Berichte liegen auf Englisch vor und werden nur von den wenigsten wirklich gelesen. Falls doch, geben sie vor, die Quellen bereits seit langem zu kennen. Gehen Sie folgendermaßen vor:

Bestreiten Sie die Objektivität der Berichte! Die UN Inspektoren konnten gar nicht genügend Zeit gehabt haben, um alle Fakten zu sammeln. Zudem waren sie erst Tage nach den Angriffen an Ort und Stelle. Die betroffenen Gebiete liegen zudem in Oppositionsgebiet. Betonen Sie, dass Indizien am Tatort hätten verändert worden sein können. Verwenden Sie unbedingt das Schlüsselwort „manipulieren“. Ihr Gegenüber wird anerkennend nicken und hören, dass Indizien mit Sicherheit verändert worden sind. Behaupten Sie, der von Eliot Higgins betriebene „Brown Moses Blog“ sei einseitig und betonen Sie wissend, dass Bild- und Videomaterial aus dem Internet oft gefälscht ist. Hier passt das Schlüsselwort „Propaganda“.

Falls Sie selbst bereits über Vorwissen verfügen: Ihre Informationen sind natürlich „geleakt“ und über das, was sie zu sagen haben wird in den „Mainstreammedien“ nicht berichtet. Das verleiht Ihnen Glaubwürdigkeit. Schließlich streiten Sie ja für eine „Gegenöffentlichkeit“ und eine „unabhängige“ Berichterstattung.

 

2) Alles ist relativ

Lernen Sie früh: Ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung ist vollkommen irrelevant! Arbeiten Sie stattdessen mit Vergleichen und konstruieren Sie Bezüge. Denn Ihr Gegenüber hat die reine Sachinformation über das Geschehen ja bereits aufgenommen. Sie oder er hat nun das dringende Bedürfnis, diese Information auch richtig einzuordnen und zu deuten. Helfen Sie Ihr oder Ihm dabei!

Bestimmen Sie also die Vergleichsebene und zeigen Sie Ihre Geschichtskenntnisse. Bringen Sie ins Spiel, dass es hier um Massenvernichtungswaffen geht und die Weltöffentlichkeit in diesem Bereich schon einmal belogen worden ist. Der Punkt geht sicher an Sie, denn niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass die behaupteten Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins beim Angriff der USA auf den Irak 2003 nie gefunden worden sind. Haben Sie sich dieses Einverständnis bei Ihrem Gegenüber einmal abgeholt, leiten Sie über zur Schlussfolgerung: Ergo geht es in Syrien um die Konstruktion von Kriegsgründen! Sie können diese Schlussfolgerung auch noch zusätzlich untermauern: Schließlich wissen Sie, dass es von Seiten der USA einen Masterplan gibt zur Umgestaltung der gesamten Region. Stichwort: „Schurkenstaaten“.

Real gibt es zwischen den beiden Ereignissen keinerlei Zusammenhang. Wen stört’s?

 

3) Cui bono? Die Brille des 11. Septembers

Erhöhen Sie die Spannung: In jedem guten Krimi stellt der Kommissar die Frage nach dem Motiv. Sichern Sie sich schnell das geflügelte Wort „cui bono?“. Das ist Latein und bedeutet „wem zum Vorteil?“ Es steht vollkommen außer Zweifel, dass Täter immer nur sein kann, wer den größten Nutzen aus der Tat zieht. Da ein Chemiewaffeneinsatz wegen der von Barak Obama gezogenen „roten Linie“ unmittelbar ein militärisches Eingreifen der Amerikaner zur Folge gehabt hätte, kann niemand anderes als die Opposition für die Giftgasangriffe verantwortlich sein!

Achtung: Jetzt müssen Sie schnell zu einem anderen Punkt überleiten, denn diese Argumentation steht auf wackligen Füßen:

Die berühmte „rote Linie“ war nie etwas anderes als eine leere Drohung. Das hat das Regime sehr früh erkannt.

Interessant wäre vielmehr die Frage, wer aus der gesamten Situation tatsächlich einen Vorteil gezogen hat: Das Syrische Regime steht ein Jahr nach den Angriffen besser dar als zuvor. Es ist international wieder als Verhandlungspartner anerkannt (Genf II). Es hat diese Position erlangt nicht trotz, sondern offenkundig wegen des Chemiewaffeneinsatzes. Sarin hat das Regime dafür zwar abgeben müssen, anstelle dessen benutzt es jetzt halt Chlorgas. Wen stört’s?

Vorsicht vor Konsequenzen: Wenn Sie offen behaupten, die syrische Opposition hätte den Chemiewaffeneinsatz inszeniert als „Angriff unter falscher Flagge“, bewegen sie sich auf dem Niveau von Verschwörungstheorien zum 11. September. Die Logik ist eindeutig dieselbe: Denn was unterscheidet die Aussage, „die Amerikaner haben das World Trade Center selbst in die Luft gesprengt und 3.000 Tote in Kauf genommen, um einen Vorwand zu haben, aus geostrategischen Gründen in Afghanistan einzumarschieren“ von der Botschaft, „die Syrische Opposition beschießt mit Giftgas die eigenen Gebiete und nimmt über 1.000 Tote – darunter viele Kinder – in Kauf, um einen Militäreinsatz der Amerikaner zu provozieren“?

Mimen Sie statt dessen einfach den Aufklärer und reklamieren Sie, dass die Schuldigen – wenn überhaupt – erst nach aufwendigen und unabhängigen Untersuchungen festgestellt werden könnten. Keine Sorge: Das wird niemals geschehen, denn dazu müssten die Verbrechen in Syrien eines Tages an den internationalen Strafgerichtshof übergeben werden. Das aber scheitert zuverlässig an einem Veto Russlands. Klagen Sie also in aller Ruhe den Westen und die Mainstreammedien an für die vorschnelle Vorverurteilung ohne handfeste Beweise!

 

4) Erzählen Sie Geschichten – Stories müssen nicht wahr sein

Konzentrieren Sie sich nicht darauf, was war, sondern was gewesen sein könnte. Ersparen sie es Ihren Mitmenschen, Studien und Expertisen zu lesen mit vielen Anmerkungen und Quellenangaben. Das interessiert wirklich niemanden. Regen Sie die Phantasie der Leute an und üben Sie sich im Erzählen. Präsentieren Sie immer neue Geschichten. Das Regime macht es vor: Zunächst hat der Chemiewaffeneinsatz gar nicht statt gefunden. Dann war es ein Unfall in einem Waffenlager der Rebellen. Dann wurden für ein paar gute Photos hunderte von Kindern in Latakia entführt, ermordet und viele hundert Kilometer durch das ganze Land gefahren um sie der Weltöffentlichkeit als vermeintliche Opfer von Chemiewaffenangriffen zu präsentieren. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zudem hat die Syrische Armee ein Chemiewaffendepot der Rebellen ausgehoben. Auf den Waffen stand deutlich drauf: „made in Saudi Arabia“. Das beweist alles.

 

5) Präsentieren Sie Experten und alternative Theorien!

Jetzt kommt Ihr größter Trumpf ins Spiel: „Unabhängige“ Experten! Spielen Sie diese Karte aber erst aus, wenn die Erinnerung an Einzelheiten bereits verblasst ist. Denken Sie daran: Eine Theorie kann noch so weit hergeholt sein, es findet sich immer ein „Experte“, der sie vertritt. Benutzen Sie unbedingt das Wort „unabhängig“!. Kein Mensch wird Sie danach fragen, von wem oder wovon Ihre Experten denn eigentlich „unabhängig“ sind. Im Gegenteil: Allein die Reklamation von „Unabhängigkeit“ beweist schon, dass alle anderen Quellen „abhängig“ sind und Sie über einen privilegierten Zugang zu vertrauenswürdigen Quellen verfügen. Wenn sie jetzt noch hinzufügen, dass darüber in den „Mainstreammedien“ kaum berichtet wird, haben Sie bereits gewonnen! Hier sind die vermeintlichen „Fakten“:

Nennen Sie unbedingt die Studie von Richard Lloyd und Theodore Postol von Januar 2014! Denn was gibt einer These mehr Glaubwürdigkeit, als wenn sie von einem ehemaligen UN Waffeninspekteur und einem Waffenspezialisten aufgestellt wird! Die zentrale Aussage: Die im UN Bericht angeführte Munition kann gar nicht weiter als 2 km geflogen sein. Damit ist bewiesen, dass sie nicht aus dem Gebiet des Regimes abgefeuert sein kann. Ist das Argument richtig inszeniert, können Sie den Augenblick jetzt genießen: Touché!

Achtung Falle: Unterbinden Sie geschickt kritische Nachfragen – Sie sind der Kritiker! Denn die Studie bezieht sich gar nicht auf den UN Bericht oder vergleichbare Originalquellen, sondern lediglich auf die Darstellung, Interpretation und Präsentation von Geheimdienstangaben durch die US-amerikanische Regierung. Das, was US Geheimdienste an Material präsentieren oder nicht präsentieren, steht aber gar nicht zur Debatte! Die Studie wartet zwar mit einer Reihe von Schaubildern auf, macht aber nicht deutlich, wie die Erkenntnisse überhaupt gewonnen wurden. Das kann sie auch gar nicht, denn sie arbeitet offenbar nicht mit Originalquellen. Das vermeintliche Renommée zweier „Experten“ adelt hier eine Ferndiagnose zu einer wissenschaftliche „Studie“. Was hier als „Wissenschaft“ präsentiert wird, wirkt wie eine Powerpointpräsentation von Erstsemestern.

Sie aber können aufatmen, denn Ihnen können Details egal sein. Merken Sie sich den Schlüsselsatz: „Unabhängige Experten haben in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt, dass…“

 

6) Greifen Sie zum Allerletzten: Keine Solidarität mit den Opfern!

Suchen Sie die wahren Schuldigen! Gesellschaften entwickeln sich dynamisch und Geschichte ist Komplex. Suchen Sie also einem verlässlichen Ausgangspunkt. Gehen Sie in der Geschichte soweit zurück, bis unbestreitbar Ihre Lieblingsfeinde zwangsläufig etwas mit der Sache zu tun gehabt haben müssen. Verweisen Sie notfalls auf das Sykes-Picot-Abkommen (1916!), welches seit bald hundert Jahren alle Probleme des geographischen Raumes zu erklären vermag. Stichwort „Kolonialismus“

Ist auf diese Weise erst einmal bewiesen, dass der „Westen“ die alleinige historische Verantwortung für alles trägt, demonstrieren Sie auch allein gegen den „Westen“. Orientieren Sie sich dabei an der sogenannten „Friedensbewegung“: Demonstrieren Sie selbst dann noch gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr und Bundesmarine, wenn es lediglich darum geht, für die Vernichtung der in Frage stehenden Chemiewaffen ein Begleitschiff zu entsenden. Zeigen Sie hier richtig Empörung! Aber vermeiden Sie unbedingt die Frage, wo Sie denn gewesen sind, als diese Waffen tatsächlich eingesetzt worden sind. Waren Sie da auch auf der Straße? Naa…???

 

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