Der Wink mit dem Zaunfall


25 Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer sorgt die Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ für einen Eklat: Mit der Entführung von Gedenkkreuzen, die im Berliner Stadtbild am ehemaligen Verlauf auf die Opfer der Berliner Mauer erinnern, wollen sie anlässlich der bevorstehenden Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung am 9. November 1989 auf das Schicksal von vielen Tausend Menschen an einer ganz anderen Grenze aufmerksam machen: Den technisch immer ausgefeilteren Absperreinrichtungen gegen Menschen, die sich auf der Flucht nach Europa befinden.

 

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Diese Aktion ist pietätlos, weil sie verschiedene Kontexte durcheinander bringt. Auf den ersten Blick scheint sie die Erinnerung an die Ereignisse im Herbst ´89 zu diskreditieren. Wenn sich Philip Ruch als einer der Gesichter des Zentrums für politische Schönheit auf der Kampagnenseite mit den Worten zitieren lässt

„Gedenken wir nicht der Vergangenheit, gedenken wir der Gegenwart – und reißen die EU-Außenmauern ein. Nicht mit warmen Worten, sondern mit Bolzenschneidern!“,

dann könnte man meinen, hier wäre eine Gruppe der Ewiggestrigen aktiv, die das Unrecht an der ehemaligen Grenze relativieren wollen, in dem sie auf ein viel größeres Unrecht in der Gegenwart verweisen. Doch um ein Aufrechnen von Unrecht aus verschiedenen Kontexten geht es nicht. Der Fall der Berliner Mauer hatte viele Gründe. Einer war der unüberwindbare Mut einer engagierten Bürgerrechtsbewegung, welche in einer friedlichen Revolution das Ende der DDR einleitete. Dieser Menschen wird zu Recht gedacht am 9. November, wobei viele von denen, die sich gegen den Staat auflehnten eben nicht „rübermachen“ wollten über die Mauer, sondern von einer anderen DDR träumten.

Das Gedenken zum Fall der Berliner Mauer ist und bleibt genau so notwendig, wie die Aufgabe, dieses Geschichte und das Gedenken daran immer wieder kritisch zu reflektieren. Die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ ist offensichtlich ein Beitrag dazu. Ob dieser Ansatz gelungen ist, mag jede und jeder selbst entscheiden. Das Thema „Mauern und Grenzen“ wird jedenfalls dort hingeholt, wo es hin gehört: In die Gegenwart. Solange wir in Sonn- und Feiertagsreden den Geist der friedlichen Revolution von `89 und eines geeinten Europas etc. beschwören, aber die Augen davor verschließen, welche Verpflichtungen daraus konkret erwachsen, bleiben Gedenktage beklemmend inhaltsleer. Solange wir mitten im reichen Deutschland ignorieren, was an den maßgeblich von uns mit errichteten europäischen Außengrenzen geschieht, schmecken Einheitsfeierlichkeiten seltsam schal.

Handwerklich ist die Aktion des Zentrums für politische Schönheit ziemlich eindimensional. Man könnte auch sagen: Provokation um der Provokation willen. Andererseits: Der Versuch Geschichte und Gegenwart zusammen zu denken, muss nicht immer gelingen. Toll aber, wenn es Leute jedenfalls versuchen. So viel Aufmerksamkeit wird das Thema der Flüchtlinge an den Aussengrenzen Europa wohl leider nicht so schnell wieder bekommen.

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