Frauen inmitten des Syrienkonflikts

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Bildquelle: Syrian Network for Human Rights

Zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November legte das „Syrian Network for Human Rights“ einen Bericht über die Lage der Frauen in ihrem Land vor. Das Zeugnis der Meschenrechtsaktivist*innen macht dabei erneut überdeutlich, dass Frauen im besonderen Maße an dem Krieg leiden, den das syrische Regime gegen die eigene Bevölkerung führt. Gerade dadurch, dass syrische Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler Menschenrechts-verbrechen auf Seiten aller an der komplexen Konfliktlage beteiligten Gewaltakteure dokumentieren, tritt die Grundasymmetrie des Krieges deutlich zutage: Auch wenn „Daasch“ als sogenannter „Islamischer Staat“ die meiste Medienaufmerksamkeit für sich in Anspruch nehmen kann, so ist es doch nach wie vor das syrische Regime, das bei weitem die meisten Verbrechen begeht. Wer immer nach einer Lösung im sogenannten „Bürgerkrieg“ sucht, darf die Fakten zur realen Menschenrechtssituation nicht ignorieren. Die einzig legitimen Forderungen in Bezug auf die syrische Katastrophe sind allein jene, welche Syrerinnen und Syrer in Solidarität mit den Opfern selbst erheben.

Opferzahlen wie in einem Geschäftsbericht

Es mutet an wie ein Geschäftsbericht: 15.347 Frauen gesamt, davon 641 durch Heckenschützen, 32 starben unter Folter. Das ist die Bilanz der Opfer, die das syrische Regime zu verantworten hat. Verhaftet und verschwunden sind nicht weniger als 6500 Frauen, davon 6.300 älter und 200 jünger als 18 Jahre. 7.500 Fälle sexueller Gewalt wurden dokumentiert, davon 850 in den Gefängnissen des Staates. Mehr als 400 Frauen waren noch minderjährig. Die Bilanz von Daasch („ISIS/IS“): 81 Opfer, 486 Gefangene. 255 Opfer und 220 Gefangene gehen auf das Konto diverser Oppositionskräfte und Milizen.

Authentische Berichte und Transparenz bei der Methodik schaffen Glaubwürdigkeit

Was syrische Meschenrechtsaktivist*innen hier unter dem Titel „The Syrian Woman in the Midst oft he Syrian Conflict“ zusammentragen ist nur ein Ausschnitt aus dem Alltag des Grauens, welcher Tag für Tag in Syrien geschieht. Was sich hier hinter nüchternen Zahlen verbirgt, sind vor allem konkrete Schicksale und Lebensgeschichten, die ein brutales Ende finden. Berichte wie diese dokumentieren aber auch mit welch hoher Qualität Menschenrechtsarbeit in Syrien stattfindet. Auch wenn Menschenrechtsberichte auf Grund der Komplexität der Lage nie die ganze Wirklichkeit widerspiegeln können, sind Beispiele wie dieser Bericht in höchstem Maße authentisch. Denn die Aktivistinnen und Aktivisten geben Auskunft darüber, mit welcher Methodik die Angaben erhoben worden sind und wie die Ergebnisse zustande kommen. Eine derartige Transparenz legt den Grundstein für die hohe Glaubwürdigkeit syrischer Menschenrechtsarbeit. Der 22seitige Bericht macht zudem deutlich, dass es in Syrien eine Zivilgesellschaft gibt, die trotz allen Grauens ihr Land nicht aufgeben will.

„The Syrian Woman in the Conflict Flames“ lautet der Untertitel des neusten Reports des „Syrian Network for Human Rights”, welcher zahlreiche Gewaltverbrechen an Frauen durch das syrische Regime, kurdische Gruppen, Daasch (“ISIS”) und diverse Oppositionsgruppen dokumentiert. Dabei greifen die Aktivist*innen des SNHR auf ein breites Archiv an dokumentierten Fällen zurück, in denen Opfer getötet, inhaftiert oder durch gewaltsame Umstände verschwunden sind. Ergebnisse der täglichen Dokumentation und des ständigen Monitoringprogramms seit 2011 werden ergänzt durch die Ergebnisse von Interviews per Telefon oder Skype mit Überlebenden gewaltsamer Übergriffe. So werden in den Bericht 15 Einzelfälle stellvertretend für viele porträtiert. Der Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da eine Unmenge an Fällen schlicht und einfach im Dunkeln bleibt. Zudem haben nicht wenige syrische Aktivist*innen mittlerweile vollkommen das Vertrauen in die internationale Öffentlichkeit verloren. Alles was bisher an Dokumentation und Monitoring in Bezug auf die Menschenrechtslage in Syrien geleistet worden ist, blieb bisher folgenlos, obwohl sich ein breites Spektrum an Verbrechen – gerade in Hinblick zukünftiger Strafverfolgung – mehr als gut belegen lässt.

Neben der authentischen Dokumentation von Verbrechen gibt der Bericht aussagekräftige Einblicke in die Struktur und Motivation, die hinter den Gewalttaten steht: So ist es eine Besonderheit des syrischen Regimes und der regimenahen Kräfte, Opfer durch Scharfschützen zu töten. Bei dieser Art des Mordens ist sich der Täter vollkommen im Klaren darüber, dass er auf Frauen in ihre Rolle als Zivilistinnen schießt. 641 Fälle listet der Report auf, in denen Frauen auf diese Weise ums Leben kamen.

In 6.500 Fällen sind Frauen seit 2011 verhaftet worden, ohne dass sie den Grund ihrer Inhaftierung erfahren durften oder ihnen auch nur ansatzweise Rechtsbeistand gewährt wurde. 200 Frauen waren dabei unter 18 Jahre alt. Dabei sind die Haftbedingungen für Frauen besonders gravierend: Oft geht mit allen erdenklichen Arten von Folter Vergewaltigung und gezielter sexueller Missbrauch einher. Absicht ist weniger, aus den Frauen Geständnisse heraus zu bekommen, als vielmehr ein unerträgliches Maß an Scham zu erzeugen. Nach dem Bericht zählt sexuelle Gewalt zu den häufigsten Fluchtursachen.

Doch nicht nur das syrische Regime und regimenahe Milizen vergehen sich an der eigenen Bevölkerung. So dokumentiert das SNHR auch akribisch Fälle von Menschenrechtsverletzungen in den Gebieten, die z.B. von der kurdischen PYD, dem syrischen Ableger der PKK, oder einer der zahlreichen Milizen kontrolliert werden. 850 Fälle von Entführungen nennt der Bericht zudem von Seiten verschiedener bewaffneter Kräfte, die gegen das Regime kämpfen. Eine besondere Qualität stellen Verbrechen dar, die von Daasch („ISIS“) begangen werden. Zwar machen sie in Hinblick auf die Anzahl noch nicht den Hauptteil der Menschenrechtsverletzungen aus. Doch wird hier besonders deutlich, dass sich die Gewalt explizit gegen Frauen richtet, weil sie Frauen sind. Steinigung für vermeintlichen Ehebruch zählt zu den Besonderheiten dieses Gewaltakteurs. Abgesehen davon belegt der Report anhand konkreter Fälle ein ganzes Spektrum an Rechten, welches Frauen aus ideologischen Gründen systematisch entzogen wird. Restriktive Bekleidungsvorschriften, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Frauenhandel und Zwangsheirat zählen zu den bekanntesten Beispielen. Auch unter denen, die als Flüchtlinge den unmittelbaren Kriegshandlungen zeitweilig entkommen können, leiden die Frauen am meisten. So haben beispielsweise ca. 85.000 Frauen unter den Bedingungen der Flucht ein Kind zur Welt bringen müssen.

Menschenrechtsarbeit ist konkrete Friedensarbeit

Weder kann es für den akuten Krieg eine politische Lösung geben, wenn den Opfern nicht Gerechtigkeit und Wahrung ihrer Würde widerfährt noch kann es für die Zeit nach dem Regime eine Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenlebens geben, wenn die Täter sich nicht vor internationaler Gerichtsbarkeit verantworten müssen. Syrische Menschenrechtsaktivist*innen legen hierfür durch ihre tägliche Arbeit eine wertvolle Grundlage. Wer immer an einem Frieden in Syrien wirklich interessiert ist, sollte diesen Stimmen eine Öffentlichkeit geben und diese Arbeit unterstützen. Berichte wie diese sind ein Appell an unsere hiesige Zivilgesellschaft, z.B. statt bizarre „Friedenswinter“ auszurufen, endlich konkrete Solidarität mit denen zu zeigen, die unter Kriegen am meisten zu leiden haben.

 

Der Report zum Download: http://sn4hr.org/blog/2014/11/25/the-syrian-woman-in-the-midst-of-the-syrian-conflict/

Das SNHR im Netz: http://sn4hr.org/   –   https://www.facebook.com/snhr

 

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