Was zählt eigentlich noch der Friedensnobelpreis?


friedensnobelpreisIrische Preisträgerin Mairead Maguire unterstützt mit “Friedensdelegation” Genozid in Syrien

In einem jüngst veröffentlichten Bericht über die fünftägige Erkundungsreise einer “Friedensdelegation” schildert ein internationales Team um die Friedensnobelpreisträgerin von 1976, Mairead Maguire, Eindrücke aus dem kriegsgeplagten Land Syrien. Das Ergebnis ist erschreckend: Statt praktische Solidarität mit der mutigen syrischen Zivilgesellschaft zu üben, absolvieren die Delegierten ein staatlich organisiertes Besuchsprogramm. “Gespräche” fanden vor allem mit hohen Amtsträgern christlicher Kirchen und dem vom Regime eingesetzten Großmufti von Syrien statt. Unter dem Vorwand, sich ein unabhängiges Bild machen zu wollen, transportiert die “Friedensdelegation” dabei ungefiltert zentrale Narrative syrischer Staatspropaganda nach Europa. Preisträgerin Mairead Maguire macht sich auf diese Weise mitschuldig und diskreditiert nicht nur sich selbst, sondern damit den Friedensnobelpreis als solchen.

Propaganda wie aus dem Lehrbuch: Wissen, was Christen in Europa hören wollen

Mit ihrem am 28. Januar 2016 auf der Internetseite www.countercurrents.org veröffentlichten Bericht über die fünftägige Syrienreise bedient die von der Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire angeführte internationale Friedensdelegation nicht nur gängige Orientklischees, sondern vor allem die Friedenssehnsucht christlicher Kirchen in Europa. Das, was das zehnköpfige Team dort bei seinen Treffen mit “hunderten Menschen” in nur fünf Tagen erfahren haben will, ist auffällig deckungsgleich mit dem offiziellen Bild, welches das Regime von Bashar al-Assad gern von sich zeichnet:

Ziel der Delegation war es nach eigenen Angaben, “people on the ground” zu treffen und sich in Gesprächen mit Einheimischen ein eigenes Bild von der Lage in Syrien zu machen. Eingeladen war die Delegation vom melkitischen Patriarchen Gregorius III. Latham und Mutter Agnes Mariam, der Ordensvorsteherin des St. James Klosters in Qara. Die Kirche war somit offizieller Gastgeber der Reise. Unterstützt wurde der Besuch vom Großmufti von Syrien Ahmad Badreddin Hassoum.

Ausführlich wird der interreligiöse Charakter der Begegnung betont: In Syrien gäbe es, so Patriarch Gregorius Latham, eine 1436-jährige Tradition des Zusammenlebens zwischen Muslimen und Christen. Koexistenz und Frieden hätten dabei immer die Zeiten der Kontroverse überwogen. In Syrien sei das Miteinander der Religionen nicht bloß von Toleranz, sondern von einer echten Zuneigung füreinander geprägt. Dieses ließe sich gerade an Orten wie Qara zeigen, an dem Muslime den Christen in vielen Fällen beigestanden hätten, als z.B. “Daesh”, der sogenannte “Islamischen Staat”, die christlichen Gemeinden angegriffen hätte. Denn Syrerinnen und Syrer verstünden sich selbst nicht in erster Linie als Sunniten, Shiiten, Christen oder Alawiten, sondern zu aller erst als Syrer. Sie seien stolz auf den säkularen Charakter des Staates. Anders als in der Darstellung der westlichen Medien sei die derzeitige Krise eben kein Religions- oder Bürgerkrieg. Sie sei ein Stellvertreterkrieg und eine Invasion, die von außen in das Land hineingetragen worden sei.

Der Delegation von Mairead Maguire ginge es darum, “andere Narrative” wiederzugeben, als diejenigen, die im Westen vorherrschten. Die westlichen “Mainstreammedien” würden immerfort nur den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad dämonisieren und an einer Politik des “Regime Chance” festhalten. Viele Menschen in Syrien hingegen würden Assad inbrünstig unterstützen. Selbst diejenigen, die ihm kritisch gegenüber stünden, müssten zugeben, dass sich ca. 70% der Bevölkerung hinter dem Präsidenten versammelten. Selbst die Opposition sehe in Bashar al-Assad den Schlüssel zum Frieden in Syrien. Ein von außen herbeigeführter “Regime Change” würde das Land hingegen ins Chaos stürzen und ein Sieg der fundamentalistischen Extremisten bedeuten.

Dem Großmufti werde derzeit die Einreise in Länder wie das Vereinigte Königreich verweigert. Von daher lade er alle religiösen und spirituellen Führer der Welt nach Syrien ein, sich selbst ein Bild zu machen. Alle religiösen Würdenträger in Syrien riefen gemeinsam nach Frieden und einer gewaltfreien Lösung. Dabei riefen sie ihre Schwestern und Brüder in der ganzen Welt auf, sie in ihrem Kampf für Frieden und Versöhnung zu unterstützen.

Auch ein Besuch in der christlichen Ortschaft Maaloula, in der noch aramäisch, die Sprache Jesu, im Alltag gesprochen werde, hätte die Not deutlich gemacht, unter der nicht nur die moderaten Sunniten litten. Derzeit fände ein regelrechter Exodus der christlichen Gemeinden aus ihren historischen Ursprungsländern statt. Das Verschwinden des Christentums in der Levante würde erst anhalten, wenn es gelänge, die Situation in Syrien wieder zu stabilisieren. Bei einem Besuch in Homs wäre zudem deutlich geworden, wie wichtig die christlich-muslimische Zusammenarbeit sei. Ein von der Regierung eingesetztes und von einem Priester und einem Scheich gemeinsam geleitetes “Versöhnungkommitee” sorge dort für die Rehabilitierug von Kämpfern, die sich entschlossen hätten, ihre Waffen nieder zu legen.

Sprechblasen des Regimes als Aufruf an die Welt

Das Ergebnis dieser Erkundungsreise ist ein Appell an die Weltgemeinschaft: Die Delegation möchte herausstellen, was es fünf Jahre nach Beginn des Krieges angeblich immer noch gebe: Die hohe Beteiligung der Frauen an allen Angelegenheiten des Lebens in Syrien, der hohe Bildungsstand dank des kostenlosen Bildungssystems, die Freiheit der Religionen und ihr enges Verhältnis zueinander, der Respekt, den die Religionsgemeinschaften füreinander empfänden und die vielen Feiertage, welche Christentum und Islam gemeinsam feierten. Zudem gäbe es das Selbstverständnis von Syrerinnen und Syrern, das gemeinsame kulturelle Erbe zu bewahren.

Den Aufruf der “Friedensdelegation” hätte die Pressestelle des Regimes nicht besser formulieren können: So wird die internationale Gemeinschaft aufgefordert, die territoriale Integrität Syriens nicht anzutasten und die fundamentalen Rechte des souveränen Staates zu achten. Nur das syrische Volks selbst hätte das Recht, Reformen einzufordern und die Zukunft des Landes zu bestimmen. Der Weg zu Reformen und die Verwirklichung eines demokratischen Zusammenlebens könne dabei nur mit gewaltlosen Mitteln erfolgen. Von daher müssten alle Länder aufhören, sich in die inneren Angelegenheiten Syriens einzumischen. Wenn ausländische Mächte aufhörten, Waffen und Kämpfer zu schicken, dann fänden Syrerinnen und Syrer selbst einen Weg, ihre Probleme zu lösen und Versöhnung zu stiften. Nur die Syrerinnen und Syrer selbst hätten das Recht, über ihre Regierung zu bestimmen. Jede ausländische Einmischung würde von daher die Bevölkerung ihrer Rechte berauben.

Insbesondere die westlichen Medien seien aufgefordert, Desinformation hinsichtlich des Konflikts in Syrien einzustellen. Die große Mehrheit in Syrien würde einen friedlichen Wandel befürworten. Ihr werde aber keine Stimme gegeben, obwohl ihre Sorgen und Nöte sicher auch von der Mehrheit in den Herkunftsländern der Delegation geteilt werden würde.

Die Weltgemeinschaft wird aufgefordert, die Sanktionen gegen Syrien aufzuheben. Ebenso wie die Menschen im Irak, mit hunderttausenden Toten, hätte die notleidende syrische Bevölkerung diese grausame Form der Kollektivstrafe nicht verdient. Zudem hätte die Welt die Pflicht, für die gewaltige Anzahl von Flüchtlingen zu sorgen, will sie die Zukunft des Landes nicht vollends zerstören.

Am Ende könne es nur eine politische Lösung des Konflikts geben, die alle Parteien mit einbezöge, insbesondere den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad und die Regierung des Landes. Nur das sei der Weg zu Frieden und Versöhnung, den die tapfere syrische Bevölkerung so dringend brauche.

Wie sich eine Friedensnobelpreisträgerin für den Genozid prostituiert

Was das Team um die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire hier als “Bericht” verkauft, ist Meisterstück der politischen Propaganda. Es ist geradezu ein Lehrstück darüber, wie eine Diktatur Marketing in eigener Sache betreibt. Dabei versteht es das Regime ausgezeichnet, seine Narrative so anzupassen, wie es das jeweilige Publikum hören möchte. Der “Bericht”, den die internationale “Friedensdelegation” hier vorlegt, richtet sich an ein friedensbewegtes vornehmlich christliches Publikum. Dieses hat das starke Bedürfnis, zu hören, dass es trotz allem ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen in den Ursprungsländern des Christentums noch geben könne. Und das Regime präsentiert sich als Garant eben dieses von ihm selbst fabrizierten Bildes. Dabei vermag es sehr erfolgreich auf der Klaviatur dieses westlichen Wunschdenkens zu spielen.

Doch nichts an diesem Bild stimmt. Denn die Delegation der Friedensnobelpreisträgerin bewegt sich allein in den vom Regime beherrschten Gebieten. Wer Syrien aus eigener Anschauung kennt, weiß, das es überhaupt nicht möglich ist, sich mit einer Delegation frei in diesem Land zu bewegen, ohne von einem der zahlreichen Geheimdienste “begleitet” zu werden. Die Delegation sieht, was sie sehen soll und offenbar auch sehen möchte. Das Programm ist vom Regime sorgsam zusammengestellt. Auch im fünften Jahr der Revolution vermag es das Regime offenbar immer noch, die heile Welt der Diktatur und das Bild vom Schmelztiegel der Kulturen wirkungsvoll zu vermarkten. Als Bürgen dafür halten die Würdenträger der christlichen Kirchen und die Funktionsträger des Staatsislams her. Doch Syrien ist eine Diktatur und auch für die Kirchen gilt: Wer es in der Hierarchie nach Oben schaffen will, der muss sich mit diesem Regime arrangieren. So wird man wohl kaum von offiziellen Vertretern der orientalischen Kirchen ein kritisches Wort zum Regime von Assad hören können. Religionsgemeinschaften derart für die eigenen Zwecke einzuspannen gehört zum Einmaleins einer Diktatur und ist reine Herrschaftpolitik.

Syrische Kirchenvertreter haben es leicht, für einen gewaltlosen Weg zu Frieden und Versöhnung bei ihrem Publikum zu werben. Das Regime leistet derweil ganze Arbeit: Aus der Niederschlagung eines zunächst friedvollen Aufstandes mit Geheimdiensten, paramilitärischen Schlägertrupps, Scharfschützen und der Armee ist ein fünfjähriger Vernichtungsfeldzug geworden gegen alles, was die Herrschaft des Regimes in Frage stellt. Die Dynamik dieses “Konflikts” ist dabei gut belegt. Ebenso wie das beispiellose Ausmaß an Verbrechen, welche das Regime an seiner eigenen Bevölkerung begangen hat. Das Verschwinden Zehntausender in den Folterkellern der Geheimdienste, das Bombardieren ganzer Stadtteile mit Faßbomben und die Chemiewaffenangriffe auf die östlich von Damaskus gelegene Ortschaft Ghouta sind nur einige Beispiele. Besonders zynisch und menschenverachtend ist die Forderung nach einer Lockerung der Sanktionen, die angeblich für Not und Elend der Bevölkerung verantwortlich sein. Mairead Maguire kann und muss wissen, dass es das Regime ist, welches ganze Städte in Syrien mittels Blockaden von der Aussenwelt abschneidet und Hunger als Waffe einsetzt. Eine halbe Millionen Menschen sind davon betroffen.

Eine Friedensnobelpreisträgerin hätte sich mit der Zivilgesellschaft in Syrien solidarisieren können, die sich dank mutiger Menschen überall im Land immer noch Freiräume von Diktatur und Extremismus erkämpft, und die internationale Beachtung und Solidarität dringend braucht. Ein starkes Friedenszeichen wäre es gewesen, Menschenrechtsgruppen zu besuchen, die in akribischer Arbeit die Verbrechen aller Gewaltakteure, nicht nur die des Regimes, dokumentieren. Sie hätte die Menschen selbst nach ihren Vorstellungen für einen Ausweg aus dem Krieg fragen können, statt wie ein Papagei ohne gedankliche Eigenleistung die Sprechblasen des Regimes für ein europäisches Publikum mundgerecht zu machen.

Dass eine Trägerin des Friedensnobelpreises sich derart für ein menschenverachtendes Regime prostituiert, ist so beschämend, dass es nicht nur Mairead Maguire, sondern den Titel selbst auf lange Zeit diskreditiert. Was ist der Friedensnobelpreis noch wert, wenn eine seiner Träger*innen seiner ursprünglichen Intention, dem Frieden in der Welt zu dienen, derart Hohn sprechen kann?

Quelle: www.countercurrents.org/maguire280116.htm

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