Das Schweigen der Taube

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Das Morden in Syrien dauert nun schon fast sechs Jahre. Der Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung bestimmt Schlagzeilen, Talkshows und ein Meer von Kommentarspalten im Internet. Die Straße aber füllt es kaum, und wirkliche Proteste gegen das massenhafte Sterben sind bisher ausgeblieben. Liegt es an der “Friedensbewegung”?

Anlässe, zu demonstrieren gibt es zu genügend: Syrerinnen und Syrer organisieren seit Jahren an vielen Orten in Deutschland kleinere und größere Protestkundgebungen. In den sozialen Netzwerken sind sie schnell zu finden. Anders als bei den typischen Latschdemos der hiesigen Zivilgesellschaft gibt es dabei phantasievolle Bildmotive und Aktionen. Lieder und Stimmung vermitteln einen kleinen Eindruck davon, wie sich die Bevölkerung einer Diktatur entgegen stellt, die das ganze Land lieber in Gewalt versinken läßt, als die Macht zu teilen. Anders als in den aberhundert Talkshows kommen hier Syrerinnen und Syrer selbst zu Wort und benennen, wer für das Morden verantwortliche ist: Putin und Assad. Ist vielleicht das der Grund, warum sie in einer ansonsten progressiven Öffentlichkeit kaum Gehör finden?

Krieg ist, wenn’s der Westen macht. Die klassische “Friedensbewegung” ist den Protesten gegen das tausendfache Morden auf erschreckende Weise ferngeblieben. Mehr noch: Die derzeitige Katastrophe in Aleppo kündet sich durch monatelange Belagerung, viele tausend Tote und die gezielte Zerstörung von Krankenhäusern durch das syrische Regime und die russische Luftwaffe lange an. Was die Friedensapostel aber tatsächlich bewegt, Anfang Oktober eine Großdemonstration “Kooperation statt NATO-Konfrontation” in Berlin zu organisieren, liest sich im ersten Satz des Aufrufes so: “Die aktuellen Kriege und die militärische Konfrontation gegen Russland treiben uns auf die Straße.” Einig ist man sich schnell, dass der Westen die NATO an die russische Grenze verschoben hat. Uneinigkeit kommt darüber auf, mit wem man in dieser Einigkeit auf der Straße gesehen werden will. Die Empörung, zu der man sich in der Lage sieht, trägt man getrennt und gemeinsam in einem bunten Spektrum bereits 2014 im sogenannten “Friedenswinter” vor das Schloss des Bundespräsidenten. Vor der Botschaft desjenigen Landes aber, welches die Gewaltspirale gegenwärtig am kräftigsten dreht, blieb es in den vergangenen Jahre erschreckend leer. Liegt es an der “Friedensbewegung”?

Nicht, dass der Krieg in Syrien die “Friedensbewegung” nicht auf die Straße treibt. Als der amerikanische Präsident Obama im Jahr 2013 für einen kurzen Moment den Anschein erweckte, er könne die Drohung der berühmten “roten Linie” in die Tat umsetzen, demonstrierten gut 1.000 Menschen dagegen in Berlin vor dem Brandenburger Tor. “Hände weg von Syrien” bewegt hunderte, gegen einen Militärschlag des Westens zu protestieren, der vielleicht eventuell einmal kommen könnte. Gegen das Töten, das täglich stattfindet, bleiben die Friedensengel aber stumm. Der Militärschlag blieb bekanntlich aus. Statt Sarin benutzt das Regime jetzt Chlorgas.

Zum Beispiel Konstantin Wecker: Der Friedensbarde unterzeichnete 2014 prominent einen von der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei initiierten Offenen Brief an die Linksfraktion: „Nein zum Militäreinsatz der deutschen Marine“. Das Schreiben richtete sich gegen die Absicherung der Vernichtung von Assads Chemiewaffen. Die Zustimmung zu diesem Auslandseinsatz hätte Türöffnerfunktion. Aber wo waren denn die 275 Unterzeichner – alles Funktionäre, Mitglieder und Sympathisanten der Linkspartei – an jenem Tag, an dem 1.400 Menschen durch eben diese Waffen den Tod fanden? Konstantin Wecker konnte zu anderer Gelegenheit seine Unterschrift ebenso prominent wieder zurückziehen, als Initiativen wie “adopt a revolution” und “medico international” 2012 mit dem Aufruf “Freiheit braucht Beistand” um Unterstützung für die unbewaffnete syrische Zivilgesellschaft warben.  

Friedensbewegte verfassen gerne Aufrufe. Textproduktionen zu den Ostermärschen oder dem Tag, an dem sich ganz Mordor zur Münchner Sicherheitskonferenz versammelt, haben den Charakter von Glaubensbekenntnissen. Auch zwischendurch verdirbt einem manch Aufruf schlicht den Appetit. Geht es nach einer Handvoll Bundestagsabgeordneter und ihren Papageien in der Bewegung, sind es die Sanktionen des bösen Westens, die für den Hunger und die humanitäre Katastrophe in Syrien verantwortlich sind. Komisch nur, dass derartige Aufrufe immer dann lanciert werden, wenn Hungerblockaden gegen die vielen zehntausend Menschen in den vom syrischen Regime eingeschlossenen Ortschaften besonders akut werden.   

Ist es die “Friedensbewegung”? Trotz alledem nein. Denn die “Friedensbewegung” hat gesellschaftlich kaum Bedeutung. Ihre Diskurse sind stark selbstreferenziell und bewegen sich in der eigenen geschlossenen Öffentlichkeit. Selbst wenn sie wollten, könnten sie Menschen nicht davon abhalten, für Syrien auf die Straße zu gehen. “Friedensbewegte” sind so etwas wie die Gaffer am Unfallort. Wenn man allerdings Pech hat, stehen sie denen im Weg, die tatsächlich etwas tun wollen.  

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