Auf dem Weg zum Alu-Doktor-Hut: Professoren aus dem “wissenschaftlichen Beirat” von attac erklären Syrien


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Ein brilliantes Lehrstück angewandter Dialektik: Mit viel Witz und Humor und der Technik der grotesken Überzeichnung schlüpfen 12 Professoren und 2 Doktoren aus dem wissenschaftlichen Beirat des globalisierungskritischen Netzwerks attac einmal argumentativ in die Rolle von Internettrollen, Verschwörungstheoretikern und Attentatstruthern. Anlässlich der aktuellen Diskussion um sogenannte “Fake-News” und “alternative Fakten” geben die Altmeister aus den Reihen der akademischen Bildungselite eine Kostprobe ihres Könnens. Mit ihrer über die sogenannten “Nachdenkseiten” veröffentlichten “Erklärung zum Syrienkrieg” vom 25. Januar 2017 haben sie scheinbar aber nur scheinbar ein klares Bekenntnis zur Militärintervention Russlands in Syrien abgelegt. Auf sieben DIN A4 Seiten schildern sie, dass der Krieg in Syrien einem jahrelang vorbereiteten Regimechangeplan folge, das Giftgasmassaker 2013 in Ghouta gar nicht vom syrischen Regime begangen worden sein könne und überhaupt die “Mainstream-Medien” mit keinem Wort die Wahrheit sagten.

Anlass war der von 250 Schriftstellern aus aller Welt unterzeichnete Aufruf zu einer Demonstration gegen die Bombardierung Aleppos vor der russischen Botschaft am 7. Dezember 2016 in Berlin. Die vierzehn Wissenschaftler werfen den Schriftstellern nun im Nachgang einseitige Positionierung gegen Russland vor und fordern zu einer öffentlichen Debatte auf. Mit ihrer vollkommen überzeichneten Rechtfertigung der russischen Militärintervention in Syrien und der Relativierung der damit verbundenen Massenverbrechen wollen sie in Wirklichkeit allerdings die Initiative auf subtile Art und Weise unterstützen und die mit ihr verbundenen Forderungen noch einmal zusätzlich unterstreichen:  „Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!“

Der moralische Tabubruch dieser “Erklärung” ist nur Schein und dient allein der Verfremdung. Dieser Kniff soll offensichtlich zu einer tieferen Reflektion, differenzierten Debatte und über die eigenständige Findung einer emanzipatorischen Perspektive letztendlich zur Solidarität mit den Opfern führen. Denn das globalisierungskritische Netzwerk attac, in welchem die Mitglieder des “wissenschaftlichen Beirats” beratende Funktion haben, versteht sich als Teil der “Friedensbewegung”. Bomben schaffen selbstverständlich keinen Frieden.

Der Trick daran: Diese bizarre Einlassung aus dem “wissenschaftlichen Beirat” bedient sich absichtlich dem Instrumentarium gängiger Verschwörungstheorien und läßt ganz offenkundig jegliche Sachkenntnis zum Thema Syrien einmal ganz beiseite. Die Professoren geben damit eine karnevalistische Lehrstunde akademischer Tugenden, indem sie selbst auf diese in ihrem Beitrag ganz verzichten. Der Text ist absichtlich auf einem Niveau verfasst, mit dem niemand an einer deutschen Universität auch nur einen Proseminarschein bekommen dürfte. Keiner ihrer eigenen Student*innen wäre mit einem solchen Text wohl durch das erste Semester gekommen.

Anders als im Wissenschaftsbetrieb vorausgesetzt sind nämlich ganze Textblöcke ohne Quellenangabe bereits vorhandenen Texten entnommen. Geschichtliche Ereignisse werden nicht anhand anerkannter Quellen, etablierter Fachliteratur oder  unter Bezugnahme auf den derzeitigen Diskurs dargestellt. Wahrheiten entstehen durch sogenanntes “Framing”: Wie bei Verschwörungstheorien üblich, fungiert eine übergreifende Regimechangetheorie als Zentralsteuerungshypothese. Alle noch so komplexen gesellschaftlichen Dynamiken und jede noch so große Unterschiedlichkeit von Staaten und ihren Gesellschaften kann erklärt werden als das immer und ewig selbe Streben finsterer Mächte und ihrer Geheimdienste, aus geostrategischen Gründen völkerrechtswidrige Angriffskriege und Umstürze in eine festgelegte Anzahl von Ländern zu tragen. Alle Ereignisse werden solange zurechtgelegt, bis sie in diese Denkschablone passen. Es zählt nicht die Qualität der Argumente, sondern die Herrschaft über die Deutung der Ereignisse. Mit diesem Vorgehen schlagen die Autoren sozusagen den argumentativen Ho-Chi-Minh-Pfad durch den allzu dichten Faktendschungel.

Beim Giftgas das Geheimnis lüften: Während sich jede Studentin und jeder Student mit nur einem Mausklick einen guten Überblick etwa in der englischsprachigen Wikipedia über den Gasangriff des Regimes auf Ost-Ghouta am 21. August 2013 verschaffen kann, vertreten 12 Professoren und 2 Doktoren mit voller Absicht die am aller wenigsten plausible Theorie: Das Giftgas Sarin sei in der Türkei produziert und an die Extremisten von al-Nusra geliefert worden. Statt einer Auswertung offizieller UN Untersuchungsberichte führen sie als Quelle wilde Spekulationen aus der Feder nur eines einzigen Enthüllungsjournalisten an. Belege stammen aus der ominösen Sphäre der Geheimdienste und lassen sich von unabhängigen Sofagarnituren aus kaum überprüfen. Damit wollen die Professoren sicher zum Protest und letztlich zur eigenen Reflektion anregen.

Die Krönung ist in dieser Hinsicht die pauschale Medienkritik. Wörtlich heißt es: “Es befremdet uns außerordentlich, dass die West-Medien, auch die UnterzeichnerInnen des antirussischen Aufrufs, mit keinem Wort die fatale US-amerikanische Politik des Regime Change im Nahen und Mittleren Osten erwähnen, geschweige denn kritisieren.” Um das “mit keinem Wort” wirksam zu unterstreichen, präsentieren sie gleich eine ganze Reihe an Kronzeugen und führen Interviews und Zitate aus eben jenen “Mainstream-Medien” an. Das ist Kunst!

Selbstverständlich ist der Beitrag nicht ernst gemeint. Er ist ein gutes Beispiel für eine paradoxe Diskursintervention als subversive politische Praxis und soll durch den spielerischen Bruch mit gängigen Wahrnehmungsmustern helfen, die eigenen diskursiven Handlungsspielräume zu erweitern. Das übertriebene Ausblenden der Opfer militärischer Gewalt dient allein dazu, eben diese sichtbar zu machen. Die ausdrückliche Nichtnennung der emanzipatorischen jungen syrischen Zivilgesellschaft im Kontext eines autenthischen Volksaufstands soll diese geradezu in den hellen Fokus der Betrachtung rücken. Die hier gezeigte dialektische Antizipation von Verschwörungstheorien und alternativen Fakten durch konsequente Aneignung bildet im Grunde das Passepartout ihrer kreativen Widerlegung. Wer benötigt bei einem derart akademischen Niveau noch einen Dialog über Syrien mit Syrerinnen und Syrern?

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Anmerkung: Der Text ist keine offizielle Stellungnahme von attac, sondern als Autorenpapier ein Diskussionsbeitrag. Auf sieben DIN A4 Seiten zeigen die Hochschullehrer damit … sagen wir es mal so… eine sehr subtile Form solidarischer Parteinahme.

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