Codename Caesar: Warum die Dokumentation von Carance Le Caisne über die syrische Todesmaschinerie eines der wichtigsten Bücher der Zeit ist


Aufwühlend und bedrückend: Mit ihrem Bericht “Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie” führt die französische Journalistin und Autorin Carance Le Caisne vor Augen, was kaum zu auszuhalten ist: Einem unter dem Pseudonym Caesar agierenden Militärfotografen ist es 2013 gelungen, tausende Fotos aus Syrien heraus zu schmuggeln, die belegen, wie systematisch die vom syrischen Regime betriebenen Folterzentren arbeiten und in welcher Dimension die Vernichtungslager in Assads Syrien betrieben werden. Das Buch ist aber nicht nur ein Beleg für die erschreckende Brutalität dieses Regimes, sondern auch ein Dokument der Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft und der bisher nur zaghaft unternommenen Versuche, das immense Ausmaß an Verbrechen irgendwie juristisch zu verfolgen.

Anfang 2014 wurden im Internet tausende Bilder syrischer Folteropfer publik, die Spuren grausamster Misshandlungen aufwiesen. Urheber der Aufnahmen ist ein syrischer Militärfotograf. War er vor der Revolution damit befasst, Todesfälle mit Beteiligung von Militärangehörigen zu dokumentieren, so bekam er nach Ausbruch der syrischen Revolution im März 2011 den Auftrag, ebenso die Leichen von Oppositionellen abzulichten, die in den Haftanstalten des Regimes zu Tode gefoltert worden waren. Das, was er zu fotografieren hatte, entsetzte ihn derart, dass er sich entschloss, die Bilder heimlich zu kopieren und außer Landes zu bringen. 2013 gelang ihm die Flucht aus Syrien.

Der französischen Journalistin Carance Le Caisne ist es gelungen, ihn zu treffen. Aus 40 Stunden Interviewmitschnitten ist ein Buch entstanden, das den Weg dieses mutigen Mannes nachzeichnet. Ergänzt wird das Material durch die Zeugnisse ehemaliger Häftlinge, die das Glück hatten, die Todesmaschinerie von Assad zu überleben.

Ende Dezember 2015 wird die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch das Material, welches Caesar heimlich auf USB-Sticks kopiert hatte, auf 53.275 Bilder beziffern. Auf 28.707 Aufnahmen sind Menschen zu sehen, die eindeutig in Haft gestorben sind. Anhand eines festgelegten Systems der Nummerierung und Beschriftung lassen sich die Aufnahmen 6.786 in Haft ermordeten Personen zuordnen. Human Rights Watch hat die Echtheit der Aufnahmen mit dem 86-seitigen Bericht „If the Dead Could Speak: Mass Deaths and Torture in Syria’s Detention Facilities“ und eigenem Material untermauert. Auch die renommierte britische Anwaltskanzlei Carter Ruck geht von der Echtheit der Fotos aus.

Das Buch kommt ganz ohne Abdruck der beschriebenen Photographien aus. Doch das Geschilderte lässt vor dem inneren Auge Bilder entstehen, die sich nicht mehr ausblenden lassen. So ist es nicht nur die vollkommen enthemmte und grenzenlose Bestialität, die hier zum tragen kommt. Die unfassbar sadistische Gewalt, die den unzähligen Menschen angetan wird, ist das Ergebnis perfider Planung und einer perfektionierten und effektiv durchorganisierten Todesmaschinerie. Besonders bedrückend ist der feste Wille des Regimes von Baschar al-Assad, einen Teil der Bevölkerung einfach auszulöschen. Das Photographieren und das akribische Dokumentieren der eigenen Verbrechen belegt zudem die Sicherheit, in der sich das Regime wähnt, niemals für die Taten zur Verantwortung gezogen zu werden.

Das Buch ist auch ein Dokument des Scheiterns der Weltgemeinschaft, der es nicht gelingt, das Morden zu stoppen und die syrische Bevölkerung vor den Massenverbrechen zu schützen, die vor den Augen der Welt geschehen. So schildert der Bericht den Weg der Bilder über die ersten Kontakte des Photographen Caesar zur syrischen Opposition, der gefährlichen Flucht aus dem Land, der ersten Auswertung der Bilder und der Veröffentlichung zu den Syriengesprächen in Genf Anfang 2014.

Trotz der intensiven diplomatischen Bemühungen Frankreichs ist es nicht gelungen, den Fall Syrien an den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu delegieren. Einen notwendigen Beschluss des UN Sicherheitsrats dazu hatte Russland zuverlässig verhindert. Trotz Anhörungen im US-amerikanischen Kongress und vor dem außenpolitischen Ausschuss wurde Caesar auch nicht zum amerikanischen Präsidenten Obama vorgelassen. Längst ist der “Islamische Staat” auf die Bühne getreten. Etwas gegen das Syrische Regime zu unternehmen hatte bereits an Priorität verloren.

Das Buch “Codename Caesar” wurde mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es ist ein Beleg dafür, dass die Verbrechen in Syrien aller Welt bekannt und gut dokumentiert sind. “Codename Caesar” leistet einen unverzichtbaren Beitrag dazu, aus diesem Wissen Konsequenzen zu ziehen. So kann das Buch dazu beitragen, für die immense Bedeutung der Strafverfolgung der Massenverbrechen in Syrien eine interessierte Öffentlichkeit zu schaffen. Da es derzeit noch keine juristische Aufarbeitung über den internationalen Strafgerichtshof zu Syrien gibt, muss eine engagierte und solidarische Zivilgesellschaft auch in Deutschland einfordern, vorerst die Möglichkeiten der nationalen Rechtsprechung z.B. über das Weltrechtsprinzip aktiv zu nutzen, um einer künftigen Rechtsprechung über Assad und das Syrische Regime schon einmal vorzuarbeiten. Hierfür müssen die notwendigen Ressourcen geschaffen werden. Carance Le Caisne leistet mit “Codename Caesar” einen wichtigen Beitrag dazu, dieses Thema bekannt zu machen.

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