Islamische Bestattungen jenseits der Integrationsdebatte


Mitten in der aufgeregten Integrationsdebatte hat die Stadt Berlin islamische Bestattungen ohne Sarg ermöglicht. Hiermit wird nicht nur einer sich wandelnden Bestattungskultur Rechnung getragen. Muslimen soll die Entscheidung erleichtert werden, sich mit der Wahl der Grabstelle dauerhaft an Berlin als Lebensumfeld zu binden. Die Aufhebung der Sargpflicht ist hierbei ein richtiger Schritt.

Friedhöfe als Spiegel der Gesellschaft

Wenn man über das Leben in einer Stadt etwas erfahren möchte, sollte man die Toten fragen. Kein anderer Ort gibt darüber so bereitwillig Auskunft, wie die Friedhöfe. Sie sind die Spiegel einer Gesellschaft. Denn wie ein Gemeinwesen mit seinen Verstorbenen umgeht, so behandelt es auch die Lebenden. Im Tod sind alle Menschen gleich, doch stirbt bekanntlich jeder für sich allein. Und gerade das Sterben macht die Unterschiede zwischen den Menschen  in  Religion, Kultur und sozialer Stellung besonders deutlich.

An der sich rasant ändernden Bestattungskultur kann man das Selbstverständnis einer Gesellschaft besonders gut ablesen. Galt zum Beispiel der kommunale Friedhof einst als Errungenschaft der bürgerlich, aufgeklärten und säkularen Gesellschaft, so tritt heute eher der Individualismus in den Vordergrund. Mit anonymen Beisetzungen oder Friedwäldern werden neue Formen der Bestattung zunehmend beliebter. Immer häufiger wird auch über Weltraumbestattungen oder die Diamantpressung der Asche von Verstorbenen in einem Ring nachgedacht. Neben der Urne im Wohnzimmer existieren „virtuelle“ Friedhöfe in den Weiten des Internet. Die klassische Form einer Bestattung auf einem kirchlichen oder kommunalen Friedhof wird bald nur noch eine der vielen Möglichkeiten sein, die letzte Ruhe zu finden.

Islamische Bestattung auf kommunalen Friedhöfen

Nicht nur die individuellen Vorstellungen über eine pietätvolle Bestattung sind immer vielfältiger geworden. Auch die Gesellschaft insgesamt hat sich geändert. Durch den Prozess der Globalisierung ist Deutschland ein Einwanderungsland geworden. Mit der sichtbaren Präsenz von Mitbürgern aus anderen Kulturkreisen ist auch die Vielfalt gesellschaftlicher Lebenswirklichkeiten gewachsen. Seit der Arbeitsmigration der 60’er Jahre haben Mitbürger aus muslimisch geprägten Gesellschaften nicht nur den Islam mitgebracht, sondern auch ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse in Hinblick auf eine würdevolle Bestattung.

Zwar bevorzugen die Hinterbliebenen überwiegend eine Überführung der Verstorbenen in das jeweilige Herkunftsland, doch finden zunehmend auch islamische Bestattungen auf Friedhöfen in Deutschland statt. Bisher jedoch war eine islamische Bestattung in Deutschland mit einigen Einschränkungen verbunden. Denn vor dem Sterben hat der Gesetzgeber die Paragraphen gesetzt. Da muslimische Kulturvereine und Verbände z.B. keine Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, konnten sie in Deutschland – anders als die Kirchen – bisher auch keine eigenen Friedhöfe betreiben. So bleibt nur die Möglichkeit einer Bestattung auf den kommunalen Friedhöfen. Doch gerade hier hier boten bis vor wenigen Jahren die Friedhofsordnungen kaum Möglichkeiten, eine Beisetzung nach islamischen Vorstellungen durchzuführen.

Zu einer islamischen Bestattung gehört ein fester Ritus. So erfolgt nach der zeremoniellen Waschung und Einkleiden des verstorbenen Menschen das Totengebet. Diese Teile des Brauchtums können Muslime in Deutschland meist ohne Probleme durchführen. Doch anders sieht es dann mit der Beisetzung aus. Denn der Islam sieht eigentlich eine Bestattung ohne Sarg vor. Der Leichnam wird traditionell lediglich im Leichentuch und möglichst am selben oder am folgenden Tage beigesetzt. Beides war bis vor einigen Jahren nach den Bestattungsgesetzen der Bundesländer nicht möglich. Doch hier hat auf kommunaler Ebene mittlerweile ein Umdenken eingesetzt. Um den Muslimen die Ausübung eines bedeutenden Teils ihrer religiöse Alltagspraxis zu erleichtern, wurden in zahlreichen Bundesländern Bestattungsgesetze entsprechend geändert.

Das neue Integrationsgesetz

Auch in Berlin ist seit diesem Jahr eine Bestattung ohne Sarg möglich. Dem im Dezember 2010 beschlossenen Integrations- und Partizipationsgesetz der Stadt Berlin folgt die Novelle zahlreicher anderer Gesetze. So werden etwa im Feiertagsgesetz „kirchliche“ zu „religiösen“ Feiertagen umbenannt. Und eben die Bestattungen sind aus religiösen Gründen nun auch ohne Sarg möglich. Dieses gilt übrigens nicht nur für Muslime.

Doch die Bestattung ohne Sarg ist dabei eher ein Nebenaspekt des Gesetzes. Dieses hat im Wesentlichen zum Ziel, den Anteil der Mitbürger mit Migrationshintergrund in der Verwaltung zu erhöhen, um dort mehr interkulturelle Kompetenz zu verankern. Doch die Novellierung der Bestattungsregeln ist ein sehr wichtiges und notwendiges Ergebnis. Denn hier wird der veränderten Lebenswirklichkeit einer von ihrer Vielfalt geprägten Stadt Rechnung getragen.

Die Beerdigung von verstorbenen Mitbürgern anderen Glaubens ist ein Thema, welches von sich aus schon einen pietätvollen Umgang erfordert. Dankbarerweise eignet es sich kaum für eine oberflächliche Politisierung. Gar nicht stark genug kann hier beton werden, dass muslimische Mitbürger immer häufiger den Wunsch äußern, in Deutschland ihre letzte Ruhe zu finden. Dies ist in der derzeitigen Integrationsdebatte ein starkes Signal. Denn mit einer Bestattung auf einem der kommnalen Friedhöfe bindet sich eine Familie dauerhaft an Berlin und wählt die Stadt zu ihrem Lebensmittelpunkt.

Aufschlussreich ist auch der pragmatische Umgang von Muslimen mit diesem Thema. Befragt man etwa Bestattungsunternehmer zu den Beerdigungsbedingungen hier in Deutschland, so erfährt man, wie unaufgeregt Muslime selbst mit diesem Thema umgehen. Zwar entspricht eine Beisetzung lediglich im Leichentuch den Erfordernissen der Tradition und dem Wunsch vieler Muslime. Doch werden diese Bedürfnisse keineswegs offensiv eingefordert. Im Gegenteil. Muslime haben sich häufig mit der Bestattung im Sarg arrangiert und scheinen diesem Aspekt weniger Bedeutung beizumessen, als es die Debatte, die von nichtmuslimischer Seite um dieses Thema geführt wird,  vermuten lässt. Dennoch ist die Gesetzesänderung ein richtiger und überfälliger Schritt. Denn innerhalb einer sich ohnehin ändernden Bestattungskultur schafft sie für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen mehr Selbstbestimmung auch über den Tod hinaus. Das Thema der Bestattungen von Muslimen auf Berliner Friedhöfen sollte deswegen jenseits der Integrationsdebatte als das betrachtet werden, was es ist. Ein Stück Selbstverständlichkeit.

Literaturtipp: Magisterarbeit Integration von unten PDF

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Ruhuna Fatiha – Zur gegenwärtigen Bedeutung islamischer Eschatologie


Folgender Artikel ist ein Auszug aus der Magisterarbeit „Integration von unten – Gegenwärtige Perspektiven islamischer Bestattungen in Berlin“.

Nach einer frühen islamischen Tradition hat Allah unter seinem oberen Thron einen Baum erschaffen, welcher so viele Blätter trägt, wie es Geschöpfe gibt. Jedes Mal nun, wenn das Leben eines Menschen zu Ende geht und ihm nur noch vierzig Tage auf Erden verbleiben, fällt ein Blatt von diesem Baum in den Schoß des Todesengels ̔Azraʽīl. Dann macht dieser sich auf den Weg, um die Seele des Menschen abzuholen.1

Ebenso wie andere Religionen stellt auch der Islam die Frage nach dem Tod. Und wie in anderen Religionen hat auch im Islam das Nachsinnen über die letzten Dinge Früchte getragen: der Tod ist im Islam nichts grundsätzlich Negatives. Er gehört unausweichlich zum menschlichen Leben dazu. Mit ihm wird die irdische Existenz beendet und der Gläubige kehrt zu seinem Schöpfer zurück.

Gott allein ist der Herr über Leben und Tod. Todesart und Zeitpunkt liegen in der Hand Allahs. Er schenkt das Leben und er lässt sterben. Das Leben jedes Menschen hat eine vorgeschriebene Frist. Todesort und Todesstunde sind bereits vor der Geburt festgelegt. Der Atemstillstand wird gemeinhin als natürlicher Tod akzeptiert. Als unnatürlicher Tod und als Eingriff in das Wirken Gottes gilt ein Tod, der auf Blutvergießen beruht.2

Im Unterschied zum Christentum hat der Tod etwas durch und durch Natürliches. Er ist nicht die Folge der Sünde, keine Strafe für ein sündhaftes Vergehen an Gott. Der Tod ereilt jeden und Gott ist es, der die Toten wieder zum Leben bringt3. Der Tod ist für den Gläubigen ein Eingehen in die Obhut Gottes, ein Hinübergehen von der Stätte der Vergänglichkeit zur Stätte des Bleibens.4 So schreibt der Journalist und Mitbegründer des Islamrats in Deutschland Muhammad Salim Abdullah zur Lebenshaltung eines Muslim angesichts des Todes:

Der Muslim soll den Tod nicht aus seinem Leben verdrängen. Er wird im Gegenteil dazu angehalten, mit dem Tod zu leben. (…) Der Tod ist im Glaubensleben der Muslime, der islamischen Gemeinschaft, also nicht überdeckt oder beiseitegeschoben. Wohl aber wird ihm eine besondere Bedeutung beigemessen oder besser gesagt, der eigentliche Sinn gegeben. Gott ruft in seinem Wort – Koran – den Menschen ins Gedächtnis, dass der Tod eben nicht ausschließlich und primär der »Sünde Sold« ist, sondern vor allem »Heimkehr« und nicht Ende. Das, was wir als Tod ansehen, als exitus – Ausgang, Schluss, Ende, Untergang oder gar als Katastrophe, ist in der religiösen Wirklichkeit die Rückkehr des Lebens zu seinem Ursprung – die »Vereinigung mit Gott« .“5

Im orthodoxen Islam ist der Tod endgültig und es gibt keine Wiederkehr in diese Welt. Nichtsdestotrotz existieren in einigen islamischen Gesellschaften auch konkurrierende Vorstellungen bezüglich Wiedergeburt und Seelenwanderung.6

Was geschieht mit dem Menschen bei seinem Tod? Der türkische Mediziner und Philosoph Ilhan Ilkiliç beschreibt den Tod allgemein so:

Der Sterbeprozeß bzw. das Grab ist ein zeitlicher und örtlicher Übergang zum Jenseits. Dort fängt ein neues Leben in einem neuen Seinszustand an, das sich auf einer anderen ontologischen Ebene bewegt. Durch den Tod verändert sich das Verhältnis der Seele (nafs) bzw. des Geistes (rūḥ) zum Körper und umgekehrt. Der Geist hat keine Verfügungsgewalt über den Körper, und gleichfalls stehen ihm die körperlichen Organe nicht zur Verfügung. Die Seele verläßt im Sterbeprozeß den Körper bis zum Jüngsten Gericht bzw. Auferstehungstag, wo sie sich miteinander vereinigen.“7

Doch was hat der Mensch nach seiner irdischen Existenz zu erwarten? Wie geht es nach dem Tod weiter? Über diese Frage entscheidet das diesseitige Leben. Dieser Gedanke verleiht dem Leben im Diesseits eine tiefe Ernsthaftigkeit. Die Art und Weise, wie das Leben im Angesicht Gottes geführt wird, hat eine hohe Bedeutung. Nach Ilhan Ilkiliç kommt dieser Gedanke in einem türkischen Sprichwort zum Tragen: „Die Welt ist das Ackerland, dessen Ernte im Jenseits geerntet wird.“8 Durch die starke Betonung eines unmittelbaren Zusammenhangs von Tun und Ergehen ist die Verbindung von „memento mori“ und „carpe diem“ im Islam besonders eindrucksvoll zum Ausdruck gekommen. Der Mensch lebt sein Leben in Verantwortung Gott gegenüber. Am Ende allen irdischen Lebens steht Gott als Richter und Vollender der Welt. Das irdische Leben wird im Islam nicht abgewertet, doch bekommt es im Angesicht des Jenseits erst seine richtige Bedeutung. So zitiert Muhammad Salim Abdullah die Sure 57:21:

Das irdische Leben, die sogenannte reale Wirklichkeit unseres Daseins, wird von Gott im Koran (…) immer wieder als Prüfung hingestellt. Das wird in Sura 57:21 nochmals verdeutlicht, wenn es dort heißt: „Wisset, daß das Leben in dieser Welt nur ein Spiel und ein Tand ist und ein Gepräge und Geprahle unter Euch, und ein Wettrennen um Mehrung nach Gut und Kindern. Es gleicht dem Regen (der Pflanzen hervorbringt), deren Wachstum den Bebauern erfreut. Dann verdorren sie, und du siehst sie vergilben; dann zerbröckeln sie in Staub. Und im Jenseits ist strenge Strafe und Vergebung und Wohlgefallen Gottes. Und das Leben in dieser Welt ist nur ein eingebildeter Schatz.“9

Mit diesem Thema schreibt der Islam die Geschichte der beiden vorangegangenen monotheistischen Religionen fort. Er übernimmt dabei die zentralen Motive der Eschatologie und entwickelt sie weiter. Zwischen Himmel und Hölle steht Gott als gerechter Schöpfer, Weltenrichter und Vollender aller Dinge. Für die Ereignisse, welche das Gottesgericht am Ende aller Tage begleiten, hat der Islam aus den übernommenen Vorbildern ganz eigene Vorstellungen geprägt, welche im Laufe der islamischen Geschichte besonders reichhaltig ausgestaltet wurden. So begegnen uns im Islam nicht nur zahlreiche, sondern auch mitunter besonders detailreiche Ausschmückungen dieses Themas.

Dieser Umstand sollte auch nicht verwundern. Die Botschaft vom Gericht Gottes, dem Nahen des Jüngsten Tages und der Auferstehung der Toten ist eines, wenn nicht sogar das zentrale Motiv der frühen Verkündigung des Propheten. In hunderten von Koranversen, welche sich über mehr als 80 Suren verteilen, werden im 7. Jahrhundert die heidnischen Bewohner der Arabischen Halbinsel mit einer unmissverständlichen Verkündigung konfrontiert: nach dem diesseitigen Leben erwartet den Menschen nicht eine dunkle Ungewissheit, sondern ein von Gott verheißenes Jenseits.10 Welches Schicksal der Einzelne dabei nach seinem Tode erfährt, hängt von zwei Faktoren ab: ob er sich diesem Gott im Sinne des Islam hingibt und unterwirft, und von seinen Taten. Doch schon nach dem Zeugnis des Koran schien diese Botschaft nicht alle überzeugt zu haben:

Sie sagen: ‚Das ist ganz offensichtlich Zauberei. 16 Sollen wir etwa, wenn wir (erst einmal) gestorben und (zu) Erde und Knochen (geworden) sind, (zu neuem Leben) auferweckt werden, 17 (wir) und unsere Vorväter?“11

Da die Araber der Offenbarung des Propheten gegenüber aber zunächst taub gewesen zu sein schienen, sind die immer wiederkehrenden Schilderungen von Himmelsgenüssen und Höllenstrafen besonders eindringlich und bildhaft geraten. Vieles ist der unmittelbaren Situation der Verkündigung geschuldet. Argumentativen Auseinandersetzungen folgen hitzige Debatten. Nach der Auswanderung (Hiğra) von Mekka nach Medina blieben bekanntlich auch Waffengänge nicht aus. So hatte sich in hitzigem Gefecht am Höllenfeuer auch manch Kampfesmut gewärmt. Zunehmend wurden in der Verkündigung nicht nur „heidnische“ Mekkaner, sondern auch Juden und Christen vor die Alternative der neuen Religion gestellt. Davon gibt der Koran ein beredtes Zeugnis. Aus der unmittelbaren Verkündigungssituation ist so eines der bedeutendsten Bücher der Menschheit geworden. Der Koran stellt den Hörer vor die Wahl, dem Propheten und seiner Botschaft zu folgen. 12

Als Grundmotive werden Bilder gebraucht, die der unmittelbaren Erfahrungswirklichkeit der Wüste entnommen sind: dem Bild einer heißen, quälenden und sengenden Glut steht der kühle, schattige und von Bächen durchzogene fruchtbare Garten mit all seinen Wonnen gegenüber, welcher in Anbetracht dürrer Ödnis als Inbegriff des Lebens gelten kann. Doch der Weg dorthin ist mit unzähligen Einzelheiten gepflastert. Diese Grunddichotomie entspricht dem konsequenten Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen und zieht sich wie Arabesken auch durch eine unübersehbare Fülle späterer Ausgestaltungen. Die Eschatologie ist dabei in erster Linie nicht zum Dogma geworden, sondern zu Literatur. Das macht sie besonders fruchtbar für spätere Interpretationen. Muhammad Salim Abdullah empfiehlt in Anlehnung an den pakistanischen Gelehrten Mohammad Hamidullah dem heutigen Leser einen eher hermeneutischen Zugang zum Thema:

Der Mensch kann sich Freude und Leid nur in Zusammenhang mit seinen persönlichen Lebenserfahrungen und mit den Gegebenheiten seiner konkreten Umwelt vorstellen. Mohammad Hamidullah schreibt dazu, daß die Form und die Inhalte der Aussagen über Paradies und Hölle natürlich auf den Erwartungshorizont und die Vorstellungskraft der Zeitgenossen des Propheten Mohammad abgestimmt gewesen sein, daß sie sich auf Situationen der damaligen Zeit und Umwelt bezogen hätten. Im Gegenständlichen erinnern sie zudem an das, was uns hier im irdischen Leben umgibt: Gärten und Bäche, schöne junge Frauen, Teppiche kostbare Kleider Perlen, wertvolle Steine, Früchte, Wein und all das, was der Mensch sich wünschen kann. Desgleichen gibt es in der Hölle Feuer, Schlangen, kochendes Wasser und andere Folterungen; auch Eiswüsten – und dennoch (!!) keinen Tod. Selbst wenn uns diese Bilder heute nicht mehr nahe genug sind, spürt man aus ihnen die überspannte Intensität, die etwas vermitteln will, was nicht für den Verstand, für seine logische und kühle Verarbeitung, sondern für die Gefühlswelt bestimmt ist. Dennoch bleibt das Ziel deutlich: Wir haben es mit einem in Bilder gegossenen Hilfsmittel zur Festigung unseres moralisch-sittlichen und sozial-mitmenschlichen Verhaltens zu tun.“ 13

Welch grundsätzliche Bedeutung die Vorstellung von einem Jenseits und dem Ende aller Tage für den Islam einnimmt, zeigt folgendes: die Tatsache, dass der jüngste Tag stattfinden und eintreffen wird, zählt zu den wichtigsten Glaubensgrundsätzen, wie sie etwa im islamischen Glaubensbekenntnis (arab. al-ʽaqīda) mit seinen sechs fundamentalen Artikeln dargelegt ist. Nach der besonders ausführlichen Darstellung des deutschen Konvertiten Ahmad A. Reidegeld in seinem als Laiendogmatik angelegten „Handbuch Islam“ ist die ̔Aqīda als islamisches Glaubensbekenntnis erst dann korrekt befolgt, wenn man in umfassender und allgemeiner Form ohne Einzelheiten zu bedenken glaubt, dass der jüngste Tag eintreffen wird,

(…) daß es eine Auferstehung gibt, daß die Körper und die Seelen wieder vereinigt werden, daß es eine Abrechnung gibt, bei der Gott selbst jeden Einzelnen zur Rechenschaft zieht, daß es Paradies und Hölle gibt und jede Seele – nach ihrer gerechten Beurteilung durch Gott selbst – in einem der beiden ihren Platz einnehmen wird.“14

Wer ins Ungewisse übergeht, möchte gerne wissen, woran er ist. Denn auch in der Hölle steckt der Teufel im Detail. Die letzte Reise, die der Mensch antritt, führt über verschiedene Stationen. Aus Koran und Hadith (arab. ḥadīṯ) hat sich hier eine Dramaturgie entwickelt, welche vom Tode des Einzelnen bis zum Weltende reicht. Die Vorstellungen, die sich darum ranken, haben bildhaften Charakter und strukturieren auch den Ritus vor, welcher bei einer Grablegung zu beachten ist. Sie bilden den ideellen Hintergrund für die islamische Bestattungstradition. So haben sich im Laufe der ersten Jahrhunderte des Islam mehrere zentrale Motive entwickelt und sind zum festen Glaubensgut einer Mehrheit der Muslime geworden. Oftmals gingen diesen leidenschaftliche theologische Auseinandersetzungen voraus, bis es in den ersten muslimischen Jahrhunderten zu einer dogmatischen Entwicklung kam, in der die wesentlichen theologischen Aussagen des Koran und der sich entwickelnden Prophetentradition der Sunna geordnet und systematisch zusammengefasst worden sind. Verschiedene Glaubensbekenntnisse (arab. ̔aqīda, pl. ̔aqā’id) bringen auch im Hinblick auf Tod und Auferstehung zum Ausdruck, was zum Glauben der Mehrheit der Muslime werden sollte: so gilt die Befragung im Grabe durch die Engel Nakīr und Munkar ebenso als Realität, wie die verschiedenen Zeichen, die dem Ende der Welt vorausgehen, und die Motive, die mit dem endgültigen Urteil über jeden einzelnen Menschen verbunden sind. Himmel und Hölle sind Realitäten und bestehen in Ewigkeit. Doch auch die Fürsprache des Propheten für die Mitglieder seiner Gemeinde ist zum Thema geworden, so dass mit Erlaubnis Allahs letztlich jeder, der sich zum Monotheismus bekennt, die Aussicht hat, einst von den Qualen der Hölle erlöst zu sein.

Hinsichtlich der Einzelheiten der letzten Dinge hat sich in späteren Jahrhunderten eine reichhaltige handbuchartige Literatur herausgebildet. Diese ist auch für moderne Interpretationen bis in die Gegenwart hinein maßgeblich und gibt den klassischen Kanon des Themas vor. Aus der Fülle des überaus heterogenen Materials haben einige Werke größere Bedeutung erlangt und bieten hinsichtlich des reichhaltigen Stoffs einen roten Faden zur grundsätzlichen Orientierung. Hierzu zählen nach einer als Referenzwerk zu diesem Thema geltenden Studie von Jane Idleman Smith und Yvonne Yazbeck Haddad15 das „ad-durra al-fāḫira“ von al-Ġazālī aus dem 11. Jh., das vielzitierte „kitāb ar-rūḥ“ von Ibn Qaiyim al-Ğauzīya aus dem 14. Jh., das „bushra al-ka’īb bi-liqā’i al-ḥabīb“ von Ǧalālu d-Dīn as-Suyūṭī aus dem 15. Jh. und das „kitāb al-ḥaqā’iq wa ‚l-daqā’iq“ von Abū Laiṯ as-Samarqandī aus dem 17. Jh.16 Für den deutschsprachigen Leser ist insbesondere das anonyme „aḥwāl al-qiyāma“ in zwei Übersetzungen als „Islamisches Totenbuch“ leicht zugänglich und führt in die vielfältigen Vorstellungen des Islam auf eindrucksvolle und kurzweilige Weise ein.17

1 Vgl. Werner, Helmut (Hg.), Das Islamische Totenbuch – Jenseitsvorstellungen im Islam, Bergisch-Gladbach 2002, S. 60

2 Schwikart, Georg, Tod und Trauer in den Weltreligionen, Gütersloh 1999, S. 103.

3 Eisingerich, Astrid, Der Tod als Rückkehr zu Gott, der Quelle allen Lebens – Sterben, Tod und Trauer im Islam, in: Heller, Birgitt (Hg.), Aller Einkehr ist der Tod – Interreligiöse Zugänge zur Sterben, Tod und Trauer, Freiburg 2003, S. 121; Blach, Thorsten, Nach Mekka gewandt: zum Umgang türkischer Muslime mit ihren Verstorbenen in der Türkei und in Deutschland, Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur – Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (Hg.), Kassel 1996, S. 19.

4 Schwikart, Tod und Trauer, S. 102

5 Muhammad Salim Abdullah, Islam – Muslimische Identität und Wege zum Gespräch, Düsseldorf 2002, S. 98

6 Eisingerich, Tod, S. 123.

7 Ilkiliç, Ilhan, Wann endet das menschliche Leben? Das muslimische Todesverständnis und seine medizinethischen Implikationen, in: Körtner, Ulrich H.J. u.a., Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen – Beiträge zu einer interkulturellen Medizinethik, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 166.

8Ilkiliç, Ilhan, Wann endet das menschliche Leben?, S. 166.

9Vgl. Abdullah, Muhammad Salim, Islam für das Gespräch mit Christen, Gütersloh 1992, S. 84f.

10Vgl. Rebstock, Ulrich, Das „Grabesleben“ – Eine islamische Konstruktion zwischen Himmel und Hölle, in: Brunner, Rainer (Hg.), Islamstudien ohne Ende – Festschrift für Werner Ende zum 65. Geburtstag, Würzburg 2002, S. 371ff.

11 Sure 37, 15-17, Der Koran, Übersetzung von Rudi Paret, 7.A., Berlin / Köln1996, S. 312.

12 Vgl. Rebstock, Das „Grabesleben“, S. 371ff.

13Vgl. Abdullah, Muhamad Salim, Gespräch, S. 90f.

14Reidegeld, Ahmad A., Handbuch Islam – Die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime, Kandern im Schwarzwald 2005, S. 69f.

15Vgl. Smith, Jane Idleman / Haddad, Yvonne Yazbeck, The Islamic Understanding of Death and Resurrection, Oxford 2002

16Vgl. Smith / Haddad, Death and Resurrection, S. 34.

17Vgl. Smith / Haddad, Death and Resurrection, S. 206, Anm. 11; Das Werk wurde im 1872 von Maurice Wolff unter dem Titel „Muhammedanische Eschatologie“ übersetzt. Heute ist es einem breiten Publikum als „Das islamische Totenbuch“ zugänglich und wurde unter diesem Titel von Helmut Werner neu herausgegeben. Es ist aber auch als deutsche Übersetzung aus dem Englischen als „das Totenbuch des Islam“ erhältlich. Hierbei handelt es sich um das „Islamic Book of the Dead“ von ‚Abd al-Rahman ibn Ahmad al-Qadi, welches ebenfalls auf dem anonymen „aḥwāl al-qiyāma“ basiert.Vgl. Werner, Helmut, Das islamische Totenbuch – Jenseitsvorstellungen des Islam, Bergisch Gladbach 2002; al-Qadi, Imam ‚Abd ar-Rahim ibn Ahmad, Das Totenbuch des Islam – Die Lehren des Propheten Mohammed über das Leben nach dem Tod, Franlfurt am Main 2006.

Das Berliner Bestattungswesen vor der Herausforderung kulturellen Wandels


(Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Magisterarbeit „Integration von unten – gegenwärtige Perspektiven islamischer Bestattungen in Berlin)

Magisterarbeit Integration von unten PDF

Die Geschichte des Berliner Bestattungswesens spiegelt nicht nur in besonderer Weise die Historie der Berliner Stadtentwicklung wieder, sondern auch die der Berliner Gesellschaft insgesamt. Friedhöfe sind herausragende Orte und gesellschaftsgeschichtliche Zeugen ersten Ranges. Im Berliner Stadtgebiet gibt es derzeit 224 Friedhöfe als Pietätsflächen. Vier weitere wurden von Berliner Trägern im Berliner Umland angelegt. Von diesen verwalten die jeweiligen Bezirke der Stadt Berlin nur 90. Bei den nichtkommunalen Friedhöfen handelt es sich in der Regel um konfessionelle Friedhöfe in Hand der rechtlich selbständigen Kirchengemeinden. 120 Bestattungsflächen sind evangelisch. Daneben gibt es 9 katholische Friedhöfe, 5 jüdische, einen russisch-orthodoxen, einen muslimischen – den historischen Türkischen Friedhof am Columbiadamm – und einen britischen Friedhof. 38 Friedhöfe sind bereits für Bestattungen geschlossen.1

Die Geschichte der einzigartigen Friedhofslandschaft Berlins ist eng mit der Entwicklung der Stadt zur Großstadt verbunden. Die einzelnen Bezirke, Städte, Dörfer und Gutsbezirke, welche sich 1920 zum heutigen Stadtgebiet Groß-Berlin vereinigten, brachten ihre Friedhöfe mit ein. Im Zuge dessen kam es Anfang des 20. Jh. trotz der Einrichtung von Zentralfriedhöfen nicht zu einer Reduzierung der Vielzahl an Bestattungsorten. Die Geschichte der Berliner Friedhöfe auf heutigem Stadtgebiet geht mit den zum Teil heute noch existierenden Dorffriedhöfen bis in das 13. Jh. zurück. Damit sind Friedhöfe ein einmaliges Spiegelbild der städtebaulichen Entwicklung der Stadt und der Geschichte ihrer Bewohner.2

In den heutigen Innenbezirken dominieren die „Alleenquartierfriedhöfe“, die überwiegend konfessionelle Betreiber haben. Deren Grünanteil war ursprünglich auf Alleen und Hecken beschränkt. Zu späterer Zeit wurden bei geringerer Inanspruchnahme auch freiwerdende Bestattungsflächen begrünt. Außerhalb der dicht besiedelten Stadt wurden großzügige Park- und Waldfriedhöfe angelegt. Diese weisen neben einem hohen Baumbestand einen großen Anteil an Fläche auf, der nicht für Bestattungen genutzt wird.

Bis zum Ende des 18. Jh. lag das Bestattungswesen ganz und gar in den Händen der Kirchen. Es wurde je nach sozialer Stellung entweder in den Kirchen oder um die Kirche herum auf den Kirchhöfen bestattet. Erst mit der Aufklärung traten Veränderungen ein, und im Zuge des aufkommenden Hygienediskurses wurden Gesundheitsgefahren der Verwesungsgerüche befürchtet. Neuanlagen von Friedhöfen wurden deshalb unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. Verboten, und man begann die Friedhöfe vor die Tore der Stadt zu verlegen. 3

Erst um das Jahr 1800 kann man in Hinblick auf die Sepulkralkultur in Berlin von einem Epochenwechsel sprechen. Zuvor war der allgemeine Zustand der Berliner Begräbnisplätze äußerst unzureichend. Es trat bei einer generell wachsenden Bevölkerungszahl innerhalb der Stadt ein Bestattungsnotstand ein. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Bevölkerung nach der Reformation konfessionell aufgespalten hatte. Die einzelnen Religionsgemeinschaften praktizierten eine gegenseitige Verweigerung eines „ehrlichen Begräbnisses“ und achteten streng darauf, dass ihre jeweiligen Begräbnisplätze nur von den eigenen Anhängern benutzt wurden. Sie pochten auch bei Neugründungen von Friedhöfen auf die konfessionelle Belegung. Da sich aber die Begräbnisplätze fast ausschließlich in kirchlicher Hand befanden, konnte jemand, dem ein „ehrliches Begräbnis“ verweigert worden war, nicht in gesellschaftlich anerkannter Form bestattet werden.4

Gegen Ende des 18. Jh. richteten viele europäische Staaten ihren Blick auf die als allgemein unzulänglich empfundene Situation auf den Friedhöfen. Ebenso wie Frankreich und Österreich wagte sich auch Preußen an eine Reform, die auch das Friedhofswesen in der Folgezeit von Grund auf verändern sollte: 1794 wurde das Allgemeine Landrecht verabschiedet. Auf Grundlage dieses Instrumentariums wollte sich der preußische Staat unter anderem bis zur Mitte des 19. Jh. eine weitgehende Einflussnahme auf das Begräbniswesen verschaffen. Damit war das Bestreben verbunden, das kirchlich organisierte Bestattungswesen in ein polizeilich konzessioniertes umzuwandeln und in Zusammenhang mit einem Armenbestattungsrecht Anlagen kommunaler Begräbnisplätze einzurichten, welche kirchlicher Kontrolle entzogen waren. Die besondere Leistung bestand in der Gründung von eigenen kommunalen Begräbnisplätzen außerhalb der Stadtmauern, die erstmalig nicht der Bestattung von Pesttoten, sondern der Beerdigung aller Verstorbenen dienen sollte. Beispiele hierfür sind die heutigen Friedhöfe vor dem Halleschen Tor. 5

Das Allgemeine Landrecht setzte immerhin durch, dass Bestattungen auf kirchlichen Friedhöfen auf jeden Fall zu gestatten sind, wenn es an Bestattungsplätzen mangelt. Und dort, wo bereits kommunale Friedhöfe existierten, waren künftig Bestattungen ohne Ansehen der Person durchzuführen. 6 Erfolge konnten Reformen in diesem Bereich aber nur deshalb verbuchen, weil die alten Rechtspositionen der Kirchen nicht gänzlich abgeschafft wurden. Im Gegenteil: angesichts des Widerstands der Kirchen sah sich der preußische Staat gezwungen, die Einrichtung seiner eigenen Anlagen auch weiterhin von kirchlicher Genehmigung abhängig zu machen. Damit wurde die grundsätzliche Monopolstellung der Kirchen in Begräbnisangelegenheiten nicht in Frage gestellt. 7 Aus diesem Grund blieb das Bestattungswesen in Berlin auch noch bis zum Ende des 19. Jh. fast ausschließlich in kirchlicher Hand. Die Kirchen waren auch schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht bereit, neben ihren Friedhöfen andere kommunale Friedhöfe zuzulassen. Lediglich die Bestattung von sogenannten „Armenleichen“ haben die Kirchen mehr und mehr den Kommunen überlassen. Für eben diesen wachsenden Kreis an Personen mussten die Kommunen dann eigene Friedhöfe schaffen. Aus den Armenfriedhöfen sollte schließlich das kommunale Bestattungswesen hervorgehen. 8 So besaß die Stadt bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. mit den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor, den Friedhofen in der Gerichtsstraße, der Seestraße und der Friedensstraße verhältnismäßig wenig kommunale Begräbnisstätten. Hinzu kamen jedoch einige Neugründungen in den benachbarten Stadt- und Landgemeinden, wie Steglitz oder Rixdorf.9 Auch der 1881 erstmals als Parkfriedhof eröffnete Friedhof in Friedrichsfelde war zunächst ausschließlich für die Ärmsten der Armen angelegt.10

Insbesondere im Zuge der Wirkung der Aufklärung ergab sich ein nicht nur in kultureller Hinsicht veränderter Umgang mit den Themen Tod und Sterben. Auch medizinisch-wissenschaftliche Überlegungen bereiteten eine neue Entwicklung im Bestattungswesen vor: die Einrichtung von kommunalen Bürgerfriedhöfen. Diese wurden nach ausländischen Vorbildern und entsprechend landschaftsplanerischer und hygienischer Vorstellungen als „Alleequartierfriedhöfe“ angelegt, welche zudem aufgrund gestiegener Sterbezahlen eine bestmögliche Raumnutzung ermöglichen sollten. Da durch das rapide Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zunehmend Friedhöfe in städtischer Randlage durch die wachsenden Berliner Vorstädte umbaut wurden, begann Ende des Jahrhunderts die Planung und Einrichtung weiterer kommunaler oder konfessioneller Bestattungsflächen, welche immer weiter außerhalb des historischen Stadtkerns angelegt wurden. Neben dem „Friedhof in den Kisseln“ in Spandau (1885) sind auch hier prominente Beispiele zu nennen: der Ostkirchhof in Ahrensfelde (1908) und der Südwestkirchhof in Stahnsdorf (1909). 11

Der Zusammenschluss von 94 Einzelgemeinden zum Stadtgebiet von „Groß-Berlin“ im Jahre 1920 führte wider Erwarten nicht zu einer Zentralisierung der Friedhofsplanung und zu einer Anlage weiterer großer Zentralfriedhöfe. An einen „Père La Chaise“ wie in Paris ließ sich in Anbetracht der rund 350 einzelnen Friedhöfe auf Berliner Stadtgebiet gar nicht denken. Die meisten dieser Begräbnisstätten wurden nicht nur erhalten, sondern es kamen in Erwartung weiterer Bevölkerungsexplosion noch Friedhöfe hinzu.12

Anders als erwartet sank aber in der ersten Hälfte des 20. Jh. der Bedarf an neuen Friedhofsflächen. Grund hierfür war auch die zunehmende Akzeptanz der Anfang des 20.Jh. aufkommenden Feuerbestattung.13 1911 hatte der preußische Staat diese schon seit 1850 heftig diskutierte Form der Beisetzung genehmigt. Bereits ein Jahr später ist in der Gerichtsstraße das ersten Krematorium mit dazugehöriger Urnenhalle entstanden.14

Der Zweite Weltkrieg ersparte den Berliner Friedhöfen eine weitgehende Umgestaltung und Neuordnung, die nach den weitreichenden Plänen Albert Speers von Nöten gewesen wäre. Während des Krieges entstanden zahlreiche Notfriedhöfe, deren Leichname nach dem Krieg dann auf reguläre Friedhofsflächen umgebettet werden mussten. Mit ihnen zusammen prägte dann die Einrichtung der ca. 120.000 Gräber für die Opfer für Krieg und Gewaltherrschaft die Berliner Friedhofslandschaft.15 Hier ist unter den Berliner Friedhöfen insbesondere der Friedhof Columbiadamm zu nennen.

Nach dem Krieg machte sich die Teilung der Stadt auch im Berliner Friedhofswesen bemerkbar. Im Ostteil der Stadt gab es ausreichend Bestattungsflächen, so dass sogar kleinere Friedhöfe geschlossen werden konnten. Im Westteil sah es anders aus. In den Nachkriegsjahren wurden bestehende Friedhöfe ausgebaut und neue wie etwa der Waldfriedhof Zehlendorf oder der Parkfriedhof Neukölln angelegt. Nach dem Mauerbau machte sich der Mangel an Bestattungsflächen etwa während einer Grippeepidemie im Winter 1969/1970 bemerkbar, als hinsichtlich des durch starken Frost gefrorenen Bodens und einer Überlastung der Krematorien ein regelrechter Bestattungsnotstand eintrat. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen wurden Friedhöfe wie etwa der Landschaftsfriedhof Gatow eingerichtet. Auch wurde die generelle Ruhezeit von 25 auf 20 Jahre gesenkt, um eine schnellere Neubelegung von Grabflächen zu ermöglichen und das platzsparende Urnengemeinschaftsgrab eingerichtet. Da diese Maßnahmen Wirkung zeigten, zudem die Sterbezahlen sanken und die Feuerbestattung zunehmend stärkeren Anklang fand, kam es in den 80‘er Jahren wiederum im Westteil der Stadt zu einem Friedhofsflächenüberschuß.16

Die Wiedervereinigung veranlasste auch hinsichtlich des Friedhofswesens einige Veränderungen. Zunächst wurde das Westberliner Friedhofsrecht auf den Ostteil der Stadt übertragen. 1995 wurde dann das neue „Gesetz über die landeseigenen und nichtlandeseigenen Friedhöfe“ erlassen. Es legte die Ruhezeit auf 20 Jahre fest und führte die Friedhofsentwicklungsplanung ein. Neu war auch, dass nun gemeinnützigen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die nicht Religionsgemeinschaften im Sinne der „Körperschaften des öffentlichen Rechts“ sind, ebenfalls unter bestimmten Voraussetzungen mit dem hoheitlichen Bestattungsrecht beliehen werden können.17

Eins dürfte schon ein oberflächlicher Blick auf die Berliner Friedhofslandschaft deutlich machen: in Berlin war auch die Trauerkultur stets von einer großen Vielfalt geprägt und spiegelt die wechselvolle Geschichte wieder. Geschichtliche Umbrüche, der Wandel gesellschaftlicher Einstellungen und das Nebeneinander verschiedenster kultureller Traditionen ergeben ein vielseitiges Gesamtbild. Zeugen dieser kulturellen Vielfalt sind nicht zuletzt auch die jüdischen Friedhöfe, deren Grabsteine zu den ältesten Zeugnissen der Bestattungskultur in Berlin zählen. Hier kündet auch gerade die Einrichtung der jüdischen Friedhöfe in der Schönhauser Allee (1827) und in Weißensee (1880) von einem veränderten gesellschaftlichen Selbstverständnis. Die kulturelle Vielfalt der Bestattungskultur hat im Laufe der Geschichte noch zugenommen. War die Möglichkeit etwa, als Konfessionsloser (Friedhof Friedrichsfelde) oder Freireligiöser (Friedhof der Freireligiösen Gemeinde im Prenzlauer Berg) eine ehrenwerte Bestattung zu erhalten einst eine neue Errungenschaft, steht das Bestattungswesen in Berlin heute vor der Herausforderung, den kulturellen Bedürfnissen derjenigen Mitbürger entgegenzukommen, die aus anderen Ländern zugewandert sind und hier ihre dauerhafte Heimat gefunden haben. Mittlerweile wird dem Umstand dieser gewachsenen Vielfalt Rechnung getragen. Auf dem Städtischen Friedhof Ruhleben etwa ist unlängst ein Grabfeld für Buddhisten entstanden. Welche Rolle also spielt der Islam in der Berliner Friedhofslandschaft?

1 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), Friedhofsentwicklungsplan, Berlin 2006, S. 7.

2Vgl. Friedhofsentwicklungsplan, a.a.O., S. 8.

3Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe bis 1800, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), o.J., URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/bis1800/index.shtml (08.01.2001).

4Vgl. Pietsch, Christian, Der Einfluß staatlicher Verordnungen auf die Entwicklung des neuzeitlichen Begräbniswesns in Berlin und Brandenburg-Preußen bis zur Mitte des 19. Jh., in: Fischer, Christoph / Schein, Renate (Hg.), »O ewich is so lanck« – Die Historischen Friedhöfe in Berlin Kreuzberg – Ein Werkstattbericht, Katalog zur Ausstellung im Landesarchiv Berlin 1987, S. 156.

5Vgl. Pietsch, Einfluß, S. 143f.

6Pietsch, Einfluß, S. 162f.

7Vgl. Pietsch, Einfluß, S. 160.

8Vgl. Pietsch, Einfluß, S. 160.

9Vgl. Pietsch, Einfluß, S 163.

10Vgl. Hammer, Klaus, Friedhöfe in Berlin – Ein Kunst- und kulturgeschichtlicher Führer, Berlin 2006, S. 112.

11Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe ab 1800 bis 1920, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), o.J., URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/1800_1920/index.shtml (08.01.2009).

12Vgl. Mende, Hans-Jürgen, Vorbemerkungen, in: Lexikon Berliner Grabstätten, Mende, Hans-Jürgen (Hg.), Berlin 2006, S. VIIf.

13Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe ab 1920 bis 1948, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), o.J., URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/1920_1948/index.shtml (08.01.2009).

14Vgl. Hammer, Klaus / Nagel, Jürgen, Historische Friedhöfe & Grabmäler in Berlin, Berlin 1994, S. 11.

15Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe ab 1920 bis 1948, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/1920_1948/index.shtml (08.01.2009).

16Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe 1948 bis 1990, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/1948_1990/index.shtml (08.01.2009).

17Vgl. Geschichte des Berliner Stadtgrüns – Berliner Friedhöfe ab 1990, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), URL.: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/geschichte/de/friedhoefe/ab1990/index.shtml (08.01.2009).

Integration von unten: islamische Friedhofsabteilungen zwischen bürgerlicher Bestattungskultur und multikulturellem Friedhofskonzept


(Dieser Artikel ist ein Auszug der Magisterarbeit „Integration von unten – gegenwärtige Perspektiven islamischer Bestattungen in Berlin“)

Islamische Friedhofsabteilungen werden heute vielerorts noch als Sonderfall wahrgenommen. Angesichts der noch eher bescheidenen islamischen Bestattungszahlen ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Doch kann allein schon das Vorhandensein von Bestattungsflächen für Muslime als Gradmesser für eine sich allgemein verändernde Bestattungskultur gewertet werden. Bisher mussten sich islamische Friedhofsabteilungen in bestehende Strukturen einfügen, und islamische Beisetzungen fanden bis in die jüngste Vergangenheit hinein innerhalb gegebener Ordnungsvorstellungen statt. Doch ist seit einer Reihe von Jahren in Deutschland ein deutlicher Trend hin zu einer epochalen und fundamentalen Änderung der gesamten Bestattungskultur zu beobachten. So mündet die Entwicklung der Trauerkultur von der Säkularisierung des Todes im 19. Jh. in einen Prozess der deutlichen Individualisierung des Sterbens in der Gegenwart. Islamische Beisetzungspraxis in Deutschland bewegt sich heute zwischen den gewachsenen Strukturen bürgerlicher Bestattungskultur und den jüngsten Entwicklungen hin zu einem multikulturellen Friedhof der Zukunft. Diese Entwicklung gibt die gegenwärtigen Rahmenbedingungen vor und ist noch nicht einmal zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Dabei sind gegenwärtige Friedhofsstrukturen nicht ohne diese vorangegangene Entwicklung zu verstehen.

Der bürgerliche kommunale Friedhof ist keine Selbstverständlichkeit. Er verdankt seine Existenz einem weitgehenden Säkularisierungsprozess der gesamten Gesellschaft in Verbindung mit veränderten hygienischen und gestalterischen Vorstellungen. Erst seit dem Ende des 18. Jh. wurde den Kirchen das Bestattungswesen zunehmend aus den Händen genommen und der Staat griff zum Teil gegen heftige kirchliche Widerstände aus medizinischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen ein. Bis dahin oblag der Friedhof fast ausnahmslos der christlich-mittelalterlichen Bestattungskultur.

Dies bedeutete, dass Bestattungen innerhalb der Stadtmauern in der Nähe der Kirchen stattfanden. Außerhalb der Stadtmauern fanden die nicht ehrenhaften Beisetzungen statt. Gesellschaftlich Marginalisierte, wie Selbstmörder, Hingerichtete, Ehebrecher, Angehörige „unehrlicher Berufe“, Seuchenkranke und auch Andersgläubige fanden hier ihre letzte Ruhe. Nun jedoch wurden Friedhöfe generell außerhalb der Stadtmauern angelegt, auch wenn sie im Zuge weiterer Stadtentwicklung schnell wieder umbaut wurden.1

Doch soziale Strukturen und gesellschaftliche Segmentierung sollten auch nach dem Tode weiterhin Bestand haben. Das „gemeine Volk“ wurde stets in Reihengräbern mit begrenzter Ruhezeit in der Folge des Sterbedatums beigesetzt. Wohlhabende Bürger konnten sich ein repräsentatives Wahlgrab mit unbegrenzter Ruhezeit leisten. Doch mit der Übernahme der Verwaltung durch die Stadt kam es zu einer Neuerung: Es wurden nun auch Angehörige verschiedener Konfessionen nebeneinander bestattet.2

Der Friedhof hatte den Ansprüchen eines zunehmend technisierten und rationalisierten Umgangs mit den Toten als kommunale Zweckeinrichtung ebenso zu genügen, wie den Bedürfnissen einer bürgerlichen Kultur nach einer Ästhetisierung des Todes. Auch die sich nun entwickelnde Grabgestaltungs- und -pflegekultur ist nicht ohne das sich entwickelnde bürgerliche Selbstverständnis zu verstehen. Denn mit der Einführung der Reihengräber, die allein aus Platz- und Hygienegründen streng nach der Reihenfolge des Todes belegt wurden, waren längst nicht alle gesellschaftlichen Schichten zufrieden zu stellen. Zu groß war das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Repräsentation, familiärer Bindung und Vereinigung der Familienmitglieder über den Tod hinaus. So gab es auf bürgerlichen Friedhöfen von Anfang an auch private Wahlgräber, deren Preise sich nach der unterschiedlichen Lage richteten. Waren einfache Reihengräber meist nur mit schlichten Holzkreuzen bezeichnet, entwickelte sich auf den Gräbern derer, die es sich leisten konnten, eine individuelle Gestaltungskultur, welche durch Berufs- und Standeszeichen Bezug nahm zum gesellschaftlichen Rang, den die verstorbene Person einnahm.3

Doch was sich zunächst wie eine Individualisierung der Trauer ausnahm, bekam im Lauf des 19. Jh. zunehmend den Charakter der Vereinheitlichung und Standardisierung. Die Industrialisierung machte auch vor den Toren der Friedhöfe nicht halt. Noch Ende des 18. Jh. wurden alle Grabmäler kunstvoll von Hand hergestellt. Ein Jahrhundert später konnten vorgefertigte Eisenkreuze, Grabsteine, Grabeinfassungen und Plastiken preiswert aus dem Katalog bestellt werden. Bis zum ersten Weltkrieg wurden Friedhöfe mit industriell hergestellten Erzeugnissen nahezu überflutet, so dass der regionale Charakter durch die zunehmende Monotonie billiger Massenartikel gänzlich verloren zu gehen drohte.4

Dieser Umstand führte nach dem Ersten Weltkrieg zur sogenannten „Friedhofsreformbewegung“, welche sich unter der Federführung von Bildhauern, Steinmetzen und Natursteinlieferanten, aber auch kommunalen Beamten gegen die industrielle Fertigung von Grabmälern wandte und nicht ohne eigene wirtschaftliche Interessen die Verwendung von Natursteinen und Unikaten forderte. Doch die Ansätze der Friedhofsreformbewegung waren grundsätzlicher Natur. Sie gewann dermaßen an Einfluss, dass ihre Gestaltungsvorstellungen bald prägend für die Friedhofslandschaft in Deutschland wurden. Vielerorts gehen noch heute Gestaltungsvorstellungen, in die sich auch muslimische Grabfelder einfügen müssen, auf diese Bewegung zurück. Anhand der Geschichte und den Vorstellungen dieser Bewegung kann ebenso gezeigt werden, dass etwa muslimische Vorstellungen hinsichtlich Gestaltung und Pflege von Grabstätten eben nicht einer jahrhundertealten gewachsenen „christlichen“ oder „abendländischen“ Tradition entgegenstehen. Die heute vielerorts vorherrschende und als „normal“ empfundene Auffassung von Grabgestaltung und Pflege hat selbst eine relativ junge Geschichte. Ebenso können sich Vorstellungen betreffend Bestattung und Trauer in kurzer Zeit verändern.

Doch woran entzündete sich der Protest dieser Bewegung genau? Der Unmut der Reformer wurde nicht nur durch die vielerorts verwahrlosten Anlagen hervorgerufen, die den übertrieben prunkvollen bürgerlichen Friedhöfen häufig gegenüber standen. Ihre Kritik richtete sich vor allem an die Gestaltung der Grabstätten im einzelnen und die mangelnde ästhetische Qualität industriell gefertigter Massenware. Gebrandmarkt wurden kitschige sogenannte Galvanoplastiken ebenso wie Glasapplikationen kleiner Sandsteingrotten, künstliche Felsen oder Baumrinde, Unter-Glas-Photos von Verstorbenen und sonstige Beispiele zeitgenössischen Kleinschmucks und Zierrats.5

Insbesondere sollte jedoch die uneinheitliche willkürliche Gestaltung nebeneinander liegender Grabstätten und die vom wildwüchsigen Individualismus geprägte Grabmalkultur des Kaiserreichs mit ihren „pompös-historischen Monumenten städtischer Oberschichten“6 in die Kritik geraten.7

Als „sepulkrale Alternative“8 bevorzugten die Reformer zunächst zwar individuelle aber in echter Handwerkskunst gestaltete Grabmäler unter Verwendung heimischer Materialien, um den Siegeszug der Grabsteinindustrie zu bremsen. Doch daneben bemühten sich die Reformer auch um ganz neue Ansätze der Friedhofsgestaltung insgesamt. Immer mehr rückte die Forderung in den Mittelpunkt, das einzelne Grabmal grundsätzlich der Gesamtanlage unterzuordnen, um so ein Höchstmaß an Homogenität gegenüber individualistischem Wildwuchs zu erreichen. Dazu wurde eine einheitliche entsprechend angepasste Formgebung verlangt.9 Der Münchner Waldfriedhof wurde mit seinen neu entworfenen rigiden Grabmalvorschriften zum viel zitierten Vorbild für Friedhofsverwaltungen deutschlandweit.10 Hinzu kam, dass die notwendig gewordenen Massengräber für die vielen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs ergänzend zu den Vorstellungen der Reformer aus ganz pragmatischen Gründen eine gewisse Uniformität in der Friedhofsgestaltung nahelegten.11 Deshalb wurden grundlegend klar strukturierte geometrische Formen bevorzugt. In diesem Sinne kann man gerade von der deutschen Friedhofskultur dieser Zeit sagen, dass sie die Etablierung einer echten Parallelgesellschaft im Sinn hatte.

Die Friedhofsreformbewegung erlangte derart an Einfluss, dass sie im Jahre 1921 organisatorisch in den „Reichsausschuß für Friedhof und Denkmal e.V.“ mündete. Ziel dieses Ausschusses war die Erarbeitung einer Musterfriedhofsordnung, welche in Deutschland zur Rechtsgrundlage für die einheitliche Gestaltung der Friedhöfe werden sollte. Entgegen der ursprünglichen Intention, das handwerkliche Unikat zu fördern, rückte die Typisierung der Grabmäler immer mehr in den Mittelpunkt. Der Typ der Stele wurde zur allgemein propagierten Grabmalform, welche sich nun ebenfalls seriell beliebig vervielfältigen und kombinieren ließ. Da in größerer Stückzahl gefertigte Grabmale auch für einkommensschwache Bevölkerungsteile erschwinglich wurden, kam diese Entwicklung letztlich wiederum der Grabmalindustrie entgegen.12

Das Einzelgrab wurde immer mehr zum Teil eines gesamten Organismus. Individuelle Grabbepflanzung sollte eingeschränkt und zum Teil durch die Friedhofsverwaltung vorgenommen werden. Anpflanzungen wurden formgerecht gestutzt und der korrekte Schnitt bis auf den Zentimeter vorgegeben. 13

Diese Typisierung und Standardisierung von Gräbern konnte von einem Teil der Reformer auch mit Verweis auf die Aushebung von Klassenunterschieden als „sepulkraler Ausdruck einer Demokratisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse“14 gefeiert werden. Sie spiegelte dabei gesamtgesellschaftliche Phänomene wieder und war eingebunden „(…) in umfassende von großem Konfliktpotential gekennzeichnete Tendenzen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, Städteplanung und Wohnungsbau, Architektur und Design“15. Insbesondere die Parallelen zum Wohnungsbau der 20’er Jahre sind hier bezeichnend. Der Mensch wurde nach Norbert Fischer als bloßes Teil eines Räderwerks betrachtet und dessen „Privatsphäre architektonisch rationalisiert“16. Wohnungen wurden so zu Waben eines größeren Ganzen. Doch waren es auch ganz reale Aspekte, welche den Trend zu einer Formierung der Massen beförderten. Hohe Bodenpreise erzwangen in den Kommunen einen wirtschaftlichen und rationalen Umgang mit Bestattungsflächen.17

Doch gab es in der Bestattungskultur auch ganz andere, neue Tendenzen: In der Zeit der Weimarer Republik gewann erstmals auch die Feuerbestattung für eine nennenswerte Zahl von Bestattungen an Bedeutung und trug somit zu einer gestiegenen Vielfalt an Bestattungsformen bei. Diese einst unter Karl dem Großen verbotene Form der Beisetzung konnte erst im ausgehenden 19. Jh. aufgrund seiner hygienischen und praktischen Vorzüge wieder an Popularität gewinnen. Die Entwicklung moderner Krematorien, die Propagierung dieser Bestattungsart durch Freidenker, neu gebildete Feuerbestattungsvereine und letztlich die Kostenvorteile sorgten dann aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. dafür, dass sich ein wachsender Teil der Bevölkerung, vor allem eher kirchenferner Schichten der Arbeiterschaft, für diese Bestattungsweise entschied. Für das Thema „islamische Bestattungen“ haben Feuerbestattungen allerdings nur in so weit Bedeutung, dass Urnengrabanlagen in zunehmendem Maße prägend für heutige kommunale Friedhofsanlagen wurden, in welche sich muslimische Gräber heute einfügen.

Die Ideen der Friedhofsreformbewegung fanden auch in der Zeit des Nationalsozialismus großen Anklang und wurden im Sinne der neuen Ideologie fortgeführt. 1937 erarbeitete der „Reichsausschuß für Friedhof und Denkmal“ die „Richtlinien für die Gestaltung des Friedhofs und Musterfriedhofsordnung“. Nun wurden die Vorstellungen der Reformer als reichsoffizielle Vorgaben verwirklicht. Zwar waren die Richtlinien damit kein Gesetz, doch erhielten sie amtlichen Charakter, so dass sie faktisch den Friedhofsverwaltungen als Vorbild dienten.18 Was als Protest gegen billige kitschige Massengüter begann und Raum schaffen sollte für den Ausdruck individueller Trauer, hatte nun die Volksgemeinschaft zu erhalten und das volkstümliche Wesen zum Ausdruck zu bringen. 1941 forderte eine Ergänzung dieser Richtlinien: auch die Materialien – heimische Natursteine, Holz und Eisen – sollten „deutsches Wesen“ und „deutsche Art“ ausdrücken.19

Die Richtlinien von 1937 blieben auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin gültig, auch wenn die beiden deutschen Staaten im geteilten Deutschland in der Friedhofskultur bald eigene Wege gehen sollten. Doch setzte in beiden Teilen Deutschlands zunächst eine Diskussion um die Friedhofskultur ein, welche darauf bedacht war, die Ansätze der Reformbewegung zu bewahren. Dem als hemmungslos empfundenen Individualismus und einem Zerfall von Gemeinschaft und Tradition sollte ebenso entgegengewirkt werden wie dem Kitsch der Massenproduktion. Soziale und persönliche Unterschiede galt es zu nivellieren.20 Ein gemeinschaftlicher Ausdruck galt als übergeordnetes Gestaltungsziel, in der Grabstättengestaltung sollte Schlichtheit und Zurückhaltung herrschen und dem Individualismus und der Repräsentationskultur Einhalt geboten werden. Nicht zu vergessen dienten diese Vorstellungen auch der Förderung des heimischen Handwerks.21 Die Ideen der Reformbewegung wurden in der BRD von der 1951 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal“ als ideeller Nachfolgeorganisation des Reichsausschusses ausdrücklich befürwortet.22 In Ostdeutschland übernahm zunächst der „provisorische Arbeitskreis für Friedhofsgestaltung“ und später das „Institut für Kommunalwirtschaft“ die Federführung.23

Doch zunehmend machten sich im geteilten Deutschland auch Unterschiede der Trauerkultur bemerkbar. In den 60‘er Jahren ermöglichte ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts mit Bezugnahme auf das Recht der freien Entfaltung der Persönlichkeit auch über den Tod hinaus die Rückkehr zu einer individuellen Grabstättengestaltung. Dieses führte 1966 in Westdeutschland im Rahmen einer neuen Musterfriedhofsordnung zur Einführung des „Zwei-Felder-Systems“, welches jeweils einen Bereich des Friedhofs weiterhin der strengen Reglementierung unterliegen lässt, jedoch mindestens einen Friedhof der Stadt verpflichtet, einen kleineren Teil für eine freiere Gestaltung vorzubehalten.24

In der DDR beginnt die Ideologie seit den 60‘er Jahren, auch auf dem Friedhof Einzug zu halten. Sozialistisches Menschenbild und kollektives Element sollten gestärkt werden. Der Gedanke von „Gräbergemeinschaftsanlagen“ kommt auf. Auch auf individuelle Grabzeichen zu verzichten, wurde diskutiert.25 In der DDR wurde 1967 eine Musterordnung erlassen. Neu war hier, dass konsequent die Feuerbestattung und die damit zusammenhängende Grabform der anonymisierten Urnengemeinschaftsanlage propagiert wurde.26

Die Möglichkeit, auf deutschen Friedhöfen nicht nur individuell seiner Trauer Ausdruck zu verleihen, sondern auch besondere religiöse oder weltanschauliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen, ist das Ergebnis einer Entwicklungsgeschichte der jüngsten Vergangenheit. Erst seit den 70‘ er Jahren macht sich in der BRD eine Vielfalt der Bestattungsformen bemerkbar. Neben den Wunsch nach individueller Gestaltung einerseits tritt andererseits auch das verstärkte Bedürfnis nach einer Anonymisierung des Todes. Eine Zunahme anonymer Bestattungen auf schlichten Rasenflächen zeichnet sich ab, und das Erscheinungsbild des Friedhofs beginnt sich zu ändern. Kostengründe und veränderte Familienstrukturen mögen hier einen Ausschlag gegeben haben.27 Doch auch Bestattungen in Gemeinschaftsgrabanlagen, in denen nicht das Einzelgrab kenntlich gemacht ist, sondern die Gemeinschaftsanlage als Ganzes mühevoll gestaltet wird, findet zunehmend Zuspruch. Eine anderer zu beobachtender Trend ist die zunehmende Naturverbundenheit in Form von „Friedwäldern“. Die Asche der verstorbenen Person wird an einem Baum beigesetzt. Das Grab bekommt also einen individuellen Ort, auf Grabzeichen wird aber verzichtet. 28

Zu Beginn des 21. Jh. ist die Friedhofskultur in Deutschland in einem nie dagewesenen Wandel inbegriffen. Gesellschaftliche Veränderungen setzen sich auch nach dem Tode fort. So ist derzeit eine durchgreifende Partikularisierung der Lebenswelten festzustellen, welche auch vor dem Friedhof nicht halt macht. Individualität, Flexibilität, Pluralität und Mobilität sind nicht nur Schlagworte in der Arbeitswelt. Längst findet eine Vielzahl individueller Lebensstile jenseits althergebrachter funktionaler Routine auch auf dem Friedhof Raum zur Entfaltung. Für den Friedhof heißt dies: waren früher traditionelle Grabstätten und Grabmäler Repräsentanten der Trauerkultur, so hat die Bedeutung „fester Orte“ längst abgenommen.29 Auch das Erscheinungsbild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Monumentale bürgerliche Familiengräber gehören der Vergangenheit an. Nun prägen anonyme Rasenflächen einen großen Teil der Friedhofsfläche. Diese Form der Beisetzung ohne individuelles Erinnerungszeichen hat sich in Deutschland mittlerweile als reguläre Bestattungsform etabliert.30 Allerdings existiert in dieser Hinsicht ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Ähnlich wie bei der Feuerbestattung spielen hierbei auch konfessionelle Fragen eine entscheidende Rolle.31

Auch auf dem Friedhof machen sich Einflüsse aus dem Ausland bemerkbar. Der Friedwald ist eine Entwicklung aus der Schweiz, wo eine Beisetzung der Asche keinem „Friedhofszwang“ unterliegt.32 In England ermöglichen die „green burials“ in ähnlicher Form eine naturnahe Bestattung. In den Niederlanden ist das Spektrum der Bestattungskultur vielfältiger als im Nachbarland Deutschland. Die Gemeinden sind in der Gestaltung der Bestattungsflächen frei. Das Bestattungsrecht ermöglicht sogar die Mitnahme der Totenasche nach Hause sowie die Verstreuung der Asche in der freien Natur oder vom Flugzeug aus über dem Meer. Auch der Ablauf einer Beisetzung wird zunehmend individualisiert und vermehrt im privaten Rahmen ohne professionelle Bestattungsunternehmen vorgenommen.33

Wie schnell sich die Einstellung der Bevölkerung hinsichtlich der Bestattungsbräuche ändern kann, zeigt eine von der Verbraucherinitiative „Aeternitas e.V.“ in Auftrag gegebene Umfrage bei Infratest aus dem Jahre 2007: demnach wünschen sich nur noch 51% der Bevölkerung eine der traditionellen Beisetzungsformen – Erd- oder Urnengrab – für die eigene Beerdigung. 1998 lag der Anteil noch bei 87%, 2004 bei 62%.34

In Deutschland werden derzeit die Voraussetzungen für einen Wandel erst noch geschaffen. Bisher standen diesem die strengen Reglements im Wege, welchen die Friedhofs- und Bestattungskultur im 20. Jh. unterworfen war. Der funktionale Reisbrettfriedhof mit bürokratisch strengen Gestaltungsvorschriften, auf dem selbst Breite, Höhe und Gestalt der Grabsteine sowie Material und Schrift genau vorgegeben ist, wird schon bald der Vergangenheit angehören. Da die besonderen Grabmalvorschriften von Juristen längst als obsolet eingestuft werden, scheint die derzeit vielerorts praktizierte „Zwei-Felder-Wirtschaft“ ihre Grundlage zu verlieren.35

Auch wirtschaftliche Aspekte sprechen für ein fundamentales Umdenken in der Bestattungskultur. Aufgrund rückläufiger Bestattungszahlen und der zunehmenden Anzahl von Rasen- oder Gemeinschaftsgräbern steigt der Anteil ungenutzter Bestattungsflächen. Dies wirft die Frage nach alternativer Nutzung und Unterhaltung pietätbehafteter Flächen auf. 36

Eines dürfte deutlich geworden sein: auf dem Friedhof muss sich in Zukunft etwas bewegen. Das deutsche Friedhofswesen steht nach Ansicht von Norbert Fischer vor entscheidenden Weichenstellungen. So schüfe etwa eine Aufhebung des Friedhofzwangs für Aschebeisetzungen gänzlich neue Rahmenbedingungen. Allen Unkenrufen zum Trotz, die einen Verfall der Bestattungskultur beklagen, wird es absehbar zu völlig neuen Ausdrucksformen von Tod, Trauer und Erinnerung kommen. Individualistische Konzepte werden sich nicht mehr nach der gewohnten funktionalen bürokratischen Routine richten.37

Zu einem wird eine neue Friedhofskultur von einer neuen Offenheit und einem reflektierten Umgang mit den Themen Tod und Bestattung führen. Zum anderen kommen ganz neue Bestimmungsfaktoren zum Tragen: die multisoziale, multikulturelle und multireligiöse Ausdifferenzierung der Gesellschaft.38 In Hinblick auf islamische Friedhofsabteilungen lässt sich die These wagen, dass diese längst keine Randexistenz mehr führen, sondern in der Mitte dieser Entwicklung angesiedelt sind. Islamische Bestattungen in Deutschland sind eben nicht mehr nur Ausdruck einer „fremden“ Alltagskultur. Sie sind längst Teil einer gewachsenen Vielfalt der eigenen Kultur und Lebensrealität geworden. Sie lassen sich auf dem Friedhof konkret verorten als Teil einer größeren Gesamtentwicklung der eigenen Gesellschaft. Diese führt gegenwärtig zu einer größeren Vielfalt individueller kultureller Ausdrucksformen. Ob der Friedhof als traditioneller Ort der Trauerkultur diese divergierenden Tendenzen noch bewältigen kann? Norbert Fischer stellt fest:

Die Entwicklung einer „Kultur der Differenzen“ verlangt in immer stärkerem Maße – und sei es in partikularen, nur zeitweilig existierenden Subkulturen – Raum für eigene Aktionsräume und weitgehende Partizipationrechte an deren Ausgestaltung“39

Die Verdrängung des Todes in modernen Gesellschaften ist eine häufig geäußerte These. Einerseits mag es so sein, dass die erfolgte Rationalisierung und Bürokratisierung des Todes im modernen Gesundheitswesen den Menschen ihren Tod aus den Händen genommen und zu einer Unfähigkeit geführt hat, den Tod eigenständig zu verarbeiten.40 Andererseits entsteht auch viel Neues. Festzustellen sind anhaltende Säkularisierungstendenzen, eine damit zusammenhängende Entritualisierung und eine Abkehr vom Friedhof als Ort der Trauer. Wurden früher zeremonielle Abläufe vollständig an Kirchen oder Bestattungsunternehmen delegiert, entstehen heute Mischformen und „Patchwork-Rituale“41, die nicht delegierten Elementen einen höheren Stellenwert einräumen. So ist auch diesseits und jenseits tradierter Wege ein neuer reflektierter Umgang mit dem Tod zu beobachten: einzelne Gruppen formulieren ihre ganz eigenen Formen der Trauerkultur und partikularisierte Einzelthemen rücken in das öffentliche Bewusstsein. Seit den 80‘er Jahren macht die Hospizbewegung von sich reden, werden auf Friedhöfen Gemeinschaftsgrabanlagen für AIDS-Tote eingerichtet, oder etwa eingefordert, Bestattungsmöglichkeiten auch für Fehlgeburten zu schaffen. 42

Eine Branche, welche diese Entwicklung vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht zu spüren bekommt, ist die der Sargherstellung. Waren Sarg und Grabmal bisher „das entscheidende Prestigesymbol in der Bestattungskultur“43 gewesen, hält mittlerweile neben preisgünstigen Importen die in der Schweiz entwickelte „Peace Box“ als umweltfreundlicher und preiswerter Papp- oder Ökosarg in deutschen Gräbern Einzug. Die Sargfrage wird demnächst im Mittelpunkt der Diskussion nicht nur im Hinblick auf muslimische Beisetzungen stehen. Wird der „Sargzwang“ aufgehoben, wird auch bei anderen Bestattungen die Frage nach der Notwendigkeit des Sargs überhaupt auftauchen.44 Sollte auch noch der Friedhofszwang für Aschebeisetzungen aufgehoben werden, brächen die in den 20‘er Jahren begonnenen Reglementierungen vollständig auf und es entstünde eine Vielzahl neuer sepulkraler Orte.

Welche Aufgabe hat also ein Friedhof der Zukunft? Kann ein kommunaler Friedhof den unterschiedlichsten Bedürfnissen der Bevölkerung überhaupt noch gerecht werden? Wäre es nicht an der Zeit, die Potentiale eines Friedhofs ganz neu zu formulieren? Die Verbraucherinitiative Aeternitas e.V. zum Beispiel nimmt in ihrer „Projektstudie 2000“ auch auf die Bestattungskultur von eingewanderten Mitbürgern Bezug:

Auch wird man Organisation, Lage, Größe und Gestalt zukünftiger Beisetzungsstätten kaum richtig erfassen, wenn man die Tendenzen zur multikulturellen Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland unterschlägt. Die Bundesrepublik ist seit den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Einwanderungsland und auch der Erhalt der Einwohnerzahl von 80 Mio. in den nächsten 20 Jahren wird auf der Zuwanderung und dem familialen Zuwachs von Ausländern beruhen. Diese Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung werden auch für die Beisetzungsstätten der nächsten Zukunft nicht folgenlos bleiben. So ist beispielsweise davon auszugehen, dass sich die Zahl der Grabfelder für ethnische Zuwanderer auf deutschen Friedhöfen in den großen Städten deutlich ausweiten wird.“ 45

Da ethnische Minderheiten großen Wert darauf legen werden, ihre kulturellen Besonderheiten nicht ohne weiteres aufzulösen, ist es unabdingbar, „im Rahmen zukünftiger Beisetzungsstätten Abteilungen für ethnische Minoritäten anzubieten.“46 Bei größeren Gemeinden eingewanderter Mitbürger mit ausgeprägten Nachbarschaften und sozialen Netzwerken können auch eigene Friedhöfe sinnvoll sein. Jedoch wären hier besondere planerische und gestalterische Ansätze vonnöten, da „solche ethnischen Beisetzungsstätten auch die Gefahr bergen, dass sie wegen erschwerter Zugänglichkeit von der Bevölkerungsmajorität negativ besetzt werden.“47

Aeternitas e.V. macht sich stark für einen Friedhof der Zukunft mit bürgerfreundlichen Verwaltungs- und Selbstverwaltungsstrukturen. Wichtig ist hier die Etablierung eines Kulturbeirates, welcher zwischen den unterschiedlichen Trauerkulturen vermittelt und die Partizipation der einzelnen Gruppen sicherstellt.48 Gerade in Hinblick auf Einwanderer hat die Partizipation an Entscheidungsprozessen große Bedeutung:

Der Pluralismus in unserer heutigen Gesellschaft erschöpft sich nicht in der Ausbildung vielfältiger Lebensformen und Lebensstile in der einheimischen Bevölkerung, er schließt auch die Existenz einer ausländischen Bevölkerung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ein. Auch diese ethnischen Minoritäten müssen in Zukunft an den Entscheidungen über die Friedhöfe teilhaben können, etwa in dem ihnen zum Ausleben ihrer eigenen kulturellen Identität eigene Bestattungsbereiche für ihre traditionellen Begräbniskulturen zugestanden, sie aber auch in die Entscheidungsprozesse einbezogen und dadurch Benachteiligungen und Diskriminierungen minimiert werden.“49

Mancherorts wird schon an einer Vision gebastelt: Was wie Zukunftsmusik klingt, gewinnt bei Landschaftsplanern und –architekten bereits konkrete Konturen. In den Augen von Michaela Mößler und Monika Wimmer bietet „(…) u.a. die Friedhofsplanung enorme, bisher nicht genutzte Potentiale, in dem man sich die Kultur- und Sozialfunktion der Bestattungsräume zunutze macht.“50 Auf dem Friedhof könnten sich ganz neue Wege auftun, das alltägliche Nebeneinander verschiedener Kulturen so zu gestalten, dass ein Miteinander leichter möglich ist. So werben Michaela Mößler und Monika Wimmer in einer eigenen Studie für den multikulturellen Friedhof als Beitrag zur Integration.51 Er soll als bedürfnisorientierter Gruppenfriedhof Andersdenkenden und –handelnden erlauben, ihre Eigenheiten über den Tod hinaus auszuleben und darzustellen.52 So kann der multikulturelle Friedhof „(…) insbesondere Zuwanderern aus nicht-christlichen Kulturkreisen bzw. ethnischen Gemeinden die Möglichkeit des Kulturerhalts einräumen.“53 Denn eine Diversifikation der Bestattungsbräuche bedeutet nicht gänzlich eine generelle Abkehr von tradierten Bräuchen.

Gerade für Migranten der ersten Generation ist ein Festhalten an tradierten Verhaltensmustern in der Bestattungskultur von großer Bedeutung. Können diese im Aufnahmeland nicht ausgeübt werden, erfährt der Eingliederungsprozeß eine empfindliche Störung, da eine Identifikation mit dem neuen Land erschwert, wenn nicht sogar verhindert wird. Den meisten Menschen gleich ist der Wunsch, ihre Toten ordnungsgemäß zu bestatten. Doch „ordnungsgemäß“ definiert sich für Muslime, Juden, Buddhisten und Hindus eben nicht über die Wertvorstellungen des christlichen Kulturkreises. (…) Es liegt im Interesse der Kommunen, Bedingungen zu schaffen, die Migranten eine Identifikation mit ihrer neuen Heimat erleichtern. (…) Aufgrund ihrer Funktion als „Kulturraum“ eignen sich Bestattungsräume hervorragend dazu, in das weit gespannte Netz integrativer Maßnahmen mit eingebunden zu werden.“ 54

Da Angehörige verschiedener Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen ihren Forderungen nach verbesserten Bestattungsbedingungen immer lauter Ausdruck verschaffen, müssen künftige Friedhofsplanungen den multikulturellen Aspekt berücksichtigen und das Konzept des säkularisierten Kommunalfriedhofs in ein neues Modell transformieren. Dazu bietet gerade der säkularisierte Kommunalfriedhof ausreichend Möglichkeiten, denn schließlich ermöglicht er seit dem 19. Jh. jedem Bürger unabhängig von Konfession und Weltanschauung den Anspruch auf ein „ehrliches“ Begräbnis.55 Zwar hat sich daran auch heute grundlegend nichts geändert, doch fänden nach diesem Konzept die Anhänger verschiedener Religionen, Weltanschauungen, Konfessionen sowie Bekenntnislose gemeinsam dem Gesetz der Reihenbelegung folgend ihre letzte Ruhestätte. Doch

(..) durch diese Verfahrensweise bleibt wenig Raum für persönliche Entfaltung, für die Pflege von Traditionen, für die Durchführung von Riten, die nicht in den vorgegebenen (Zeit-)Rahmen passen. Als Norm gelten die Vorgaben des christlichen Kulturkreises. (…) Und für manche Gläubige – zum Beispiel Muslime – kommt es gar nicht erst in Frage, in direkter Nachbarschaft mit Andersgläubigen bestattet zu werden. Die muslimischen Gemeinden wünschen sich seit langem eigene Friedhöfe anstatt – wie bisher der Fall – separater Grabfelder auf den städtischen Einrichtungen. Ein Bestattungsraum, der sich an den Ansprüchen einer zunehmend heterogenen Gesellschaft orientiert und auf die Integration von Zuwanderern abzielt, sollte jedoch weder zur kulturellen Assimilation beitragen noch Rückzugstendenzen verstärken. Das „multikulturelle Friedhofskonzept“ sieht deshalb einen gemeinsamen, öffentlich zugänglichen Bestattungsraum vor, auf dem ethnisch, religiös und anderweitig motivierten Gruppen eigene Teilbereiche angeboten werden, in denen sie ihre individuelle Bestattungskultur praktizieren können. Der Kulturerhalt bildet eine von drei tragenden Säulen in den Planungsgrundsätzen der Studie. Hinzu kommen Wissensvermittlung und Kommunikation, die sich auch die Sozialfunktion des Friedhofs zu nutze macht. Ein Großteil der Planungsvorschläge zielt darauf ab, Einblicke in die Bestattungstradition anderer Kulturen zu gewähren, Informationen zu vermitteln und auf diese Weise für Verständnis zu werben. Angestrebt wird der Abbau von Barrieren zwischen Andersdenkenden und –handelnden. Dies soll über eine kommunikations- und kontaktfördernde Gestaltung der Bestattungsräume erreicht werden.“56

Dieses Konzept ließe sich als konzeptionelles Lösungsmodell sowohl für die Neuanlage von Friedhöfen verwenden, als auch für die langfristige Umgestaltung bestehender Friedhöfe „zu einer integrations- und kommunikationsfördernden Begräbnisstätte“.57 Neuen Friedhöfen wird eine Struktur konzentrischer Kreise empfohlen. Auf bestehenden Friedhöfen werden frei werdende Überhangsflächen nach und nach vom inneren Bereich nach außen miteinander verzahnt. Durch eine sensible Wege- und Platzgestaltung sollen Einzelelemente der Anlage erschlossen und miteinander verknüpft werden. Ein Rundweg führt mit anschaulich aufbereiteten Informationen durch alle Abteilungen und gibt Einblick in die Bestattungskultur anderer Gruppen. Das ganze soll durch eine Gemeinschaftseinrichtung mit Ausstellungs- und Veranstaltungsraum ergänzt werden, welche von allen Gruppen gleichberechtigt genutzt werden kann.58

1 Vgl. Franken, Lina, Die Geschichte der Friedhöfe in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis Heute, S. 3f, URL.: http://linafranken.blogsport.de/images/DieGeschichtederFriedhoefeinDeutschland.pdf (25.08.2008).

2 Vgl. Franken, Friedhöfe, a.a.O., S. 5.

3 Vgl. Franken, Friedhöfe, S. 4ff.

4 Vgl. Franken, Friedhöfe, S. 12f.

5Vgl. Fischer, Norbert, Vom Gottesacker zum Krematorium – Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 1996, S. 76.

6Fischer, Gottesacker, S. 76.

7Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 76.

8Fischer, Gottesacker, S. 77.

9Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 78.

10Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 79.

11Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 82.

12Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 83f.

13Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 85.

14Fischer, Gottesacker, S. 87.

15Fischer, Gottesacker, S. 87.

16Fischer, Gottesacker, S. 88.

17Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 88f.

18Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 90f.

19Vgl. Fischer, Gottesacker, S. 91.

20 Vgl. Mönnikes, Jana, Geschichte des Friedhofs – Entwicklung seit dem zweiten Weltkrieg, Dresden 2005, S.1, URL.: http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_architektur/ila/gla/archiv/frueheresemester/friedhpalmdateien/6entwicklung%20nach%202wk.pdf (25.08.2008).

21 Vgl. Mönnikes, Geschichte, S. 1.

22 Vgl. Franken, Friedhöfe, S. 14.

23 Vgl. Mönnikes, Geschichte, S. 1.

24 Vgl. Franken, Friedhöfe, S. 14.

25 Vgl. Mönnikes, Geschichte, S. 4.

26 Vgl. Mönnikes, Jana, Geschichte, S. 5.

27 Vgl. Mönnikes, Jana, Geschichte, S. 7.

28 Vgl. Mönnikes, Jana, Geschichte, S. 11.

29 Vgl. Fischer, Norbert, Auf dem Weg zu einer neuen Bestattungs- und Friedhofskultur, in: Raum für Tote – Die Geschichte der Friedhöfe von den Gräberstraßen der Römerzeit bis zur anonymen Bestattung, Braunschweig 2003, S. 225.

30 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 225.

31 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 225.

32 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 228.

33 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 228f.

34 Vgl. Artikel: Infratest-Umfrage: Nur noch jeder Zweite wünscht eine traditionelle Bestattung, Aeternitas e.V. (Hg.), URL.: http://www.aeternitas.de/inhalt/news_und_trends/2007_04_05__09_47_16/show_data, Zugriff am: 27.08.2008, S. 1.

35 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 229.

36 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 230f.

37 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 231.

38 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 231.

39 Fischer, Auf dem Weg, S. 231.

40 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 232.

41 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 233.

42 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 232ff.

43 Fischer, Auf dem Weg, S. 234.

44 Vgl. Fischer, Auf dem Weg, S. 234.

45Nohl, Werner / Richter, Gerhard, Friedhofskultur und Friedhofsplanung im frühen 21.Jahrhundert – Bestatten, Trauern und Gedenken auf dem Friedhof, Aeternitas e.V. – Bebraucherinitiative Bestattungskultur (Hg.), Königswinter 2001, S. 106.

46Nohl / Richter, Friedhofskultur, S. 45.

47Nohl / Richter, Friedhofskultur, S. 45.

48Vgl. Nohl / Richter, Friedhofskultur, S. 157.

49Nohl / Richter, Friedhofskultur, S. 127.

50 Mößler, Michaela / Wimmer, Monika, Der multikulturelle Friedhof – ein Beitrag zur Integration, in: Stadt+Grün, Nr. 11/2003, S. 51.

51 vgl. Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 51.

52 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 51.

53 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 51.

54 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 51f.

55 Vgl. Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 53

56 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 53

57 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 54

58 Mößler / Wimmer, Beitrag, S. 54

Integration von unten: Holzkreuze 100 Zentimeter


Auf deutschen Friedhöfen bewegt sich was. Führte das Thema „islamische Bestattungen“ in Deutschland bisher eher ein Schattendasein, gibt es laut „Berliner Morgenpost“ seit wenigen Jahren so etwas wie eine kleine Revolution: immer mehr Kommunen ermöglichen auf ihren Friedhöfen Bestattungen nach islamischem Brauch. Auch in Berlin prüft der Senat derzeit, ob das Berliner Bestattungsgesetz hinsichtlich zweier zentraler Aspekte noch zeitgemäß ist: der frühstmöglichen Beisetzung erst nach einer Frist von 48 Stunden und der Sargpflicht.

Gerade auch auf dem Friedhof zeichnet sich in Deutschland ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel ab. So sprach jüngst Prof. Dr. Reiner Sörries als Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel anläßlich der dortigen Fachtagung am 22. Februar zum Thema „Muslime in deutscher Erde“ von einem „Trend hin zu einem multikulturellen Friedhof“. Wird von Integration geredet, erfährt das Thema mittlerweile sogar bundespolitische Beachtung: sprach sich doch auch die vom Bundesinnenminister ins Leben gerufene „Deutsche Islam Konferenz“ auf ihrer 3. Sitzung am 13. März für vergleichbare Regelungen und Lösungsmöglichkeiten in den Ländern aus.

Doch was ist das Besondere an einer islamischen Bestattung? Der zu vollziehende Ritus ist eine komplexe Handlung, die je nach Tradition und Kultur islamisch geprägter Länder geringe Abweichungen erlaubt. Die islamische Religionsgemeinschaft in Hessen (IRH) beispielsweise stellt hierzu zur Orientierung einen kurzen „Konsens aller islamischen Rechtsschulen weltweit“ ins Internet: demnach gehören zu den rituellen Handlungen die Ganzwaschung des Verstorbenen durch eine Person des gleichen Geschlechts und die Bedeckung durch spezielle Leichentücher nach festgelegten Bestimmungen. Danach erfolgt das Totengebet unmittelbar vor der Beerdigung vorzugsweise auf dem Friedhof. Die Beerdigung des Verstorbenen sollte ohne Zeitverzögerung zum nächst möglichen Zeitpunkt erfolgen. Der Verstorbene wird im Grab auf die rechte Seite mit dem Gesicht Richtung Mekka gelegt. Die Anlage der Grabstätte sollte dieses hinsichtlich ihrer Ausrichtung ermöglichen. Auch wird der Verstorbene nur mit den Leichentüchern bedeckt ohne Sarg in die Nische des Grabes gelegt und beerdigt. Für Muslime ist ausschließlich die Erdbestattung erlaubt. Generell legen Muslime Wert auf ein separates Grabfeld. Dieses besteht in Deutschland meist aus einem eigens für islamische Bestattungen ausgewiesenen Teil auf einem kommunalen Friedhof.

Mittlerweile bestehen bereits ca. 200 islamische Grabfelder auf kommunalen Friedhöfen. Tendenz steigend. Noch allerdings werden ca. 90% aller verstorbenen Muslime in ihre ursprünglichen Heimatländer überführt. Eine Beisetzung in Deutschland ist alles andere als der Regelfall. Bei den hier beigesetzten Personen handelt es sich vor allem um Kinder, deren Eltern in Deutschland eine dauerhafte Heimat gefunden haben. Bei hier bestatteten Erwachsenen ist häufig eine Beisetzung im Heimatland aus verschiedenen Gründen nicht möglich.
Welche Faktoren spielen bei der Wahl des Bestattungsortes eine Rolle? Bei Einwanderern der älteren Generation kommen emotionale Verbundenheit mit dem Heimatland und familiäre Bindungen zum Tragen. Aber auch die Frage nach den Kosten und der finanziellen Absicherung im Sterbefall spielt eine Rolle. Denn eine Überführung ins ehemalige Heimatland ist oftmals preisgünstiger als eine Bestattung in Deutschland.
Doch auch kulturelle und religiöse Hindernisse lassen muslimische Mitbürger von einer Beisetzung ihrer Verstorbenen auf deutschen Friedhöfen Abstand nehmen. So stehen deutsche Bestattungsgesetze in einigen Punkten im Widerspruch zu den Vorstellungen der islamischen Tradition. Deutsche Friedhöfe sehen für Gräber eine begrenzte Ruhezeit von ca. 20-25 Jahren vor, die zudem auf einfachen Reihengräbern nicht verlängert wird. Um die Möglichkeit eines Scheintods auszuschließen, wird in der Regel erst nach einer Frist von 48 Stunden beigesetzt. Meist ist die Verwendung eines Sarges aus hygienischen Gründen strikt vorgeschrieben.

Trotz dieser Unterschiede wählt ein kleiner aber zunehmender Teil der hier lebenden Muslime ganz bewußt Deutschland als Bestattungsort. So haben Muslime gelernt, sich auf die hiesigen Bedingungen einzustellen. Mittlerweile hat sich im Bereich „islamische Bestattungen“ sogar ein professioneller Gewerbezweig mit einem entsprechenden Dienstleistungsangebot entwickelt. Da eine Fatwa der „Akademie für islamisches Recht in Mekka“ die Beisetzung in Holzsärgen in Ausnahmefällen ermöglicht, bietet die islamische Abteilung des größten deutschen Bestattungsinstituts mittlerweile den „islamischen Sarg mit islamischer Sargdecke“ aus unbehandeltem Vollholz an.

Das Bestattungswesen ist Angelegenheit der Bundesländer. Einige haben schon die Zeichen der Zeit erkannt und in Puncto „islamische Friedhöfe“ weitgehende Umwälzungen veranlaßt. Inzwischen lassen manche Bundesländer Ausnahmen von der 48-Stunden-Regelung zu. Auch die Bestattung nur in Leichentüchern ist mancherorts bereits möglich. Und Berlin? In der Hauptstadt haben islamische Bestattungen schon lange Tradition. Der historische Türkische Friedhof am Columbiadamm ist der älteste islamische Friedhof in Deutschland. Doch der gehört der Türkei und auf diesem wird nicht mehr beigesetzt. Für islamische Bestattungen auf dem angrenzenden landeseigenen Friedhof Columbiadamm und dem Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau gilt: Bestattung im Sarg und keine Ausnahme von der 48-Stundenfrist aus religiösen Gründen.

Doch jüngst hat eine parlamentarische Anfrage der Angelegenheit neues Leben eingehaucht. Nun will der Senat „prüfen“, ob alternative Regelungen aus anderen Bundesländern übernommen werden können. Bleibt zu hoffen, daß dem auch Taten folgen und nicht wieder eine gute Idee nach kurzer Zeit zu Grabe getragen wird. Denn in Deutschland soll ja auch auf dem Friedhof alles seine Ordnung haben. Besonderen Tiefgang beweist schon jetzt der Friedhof in Spandau: In den 1998 eigens für die islamische Abteilung erlassenen Gestaltungsvorschriften heißt es unter anderem zum Thema „Grabmalvorschriften“ im Absatz „c“:  „Holzkreuze – Höhe 100 cm, Breite 60 cm, Stärke bei Bohlen mindestens 4 cm, Stärke bei Kanthölzern mind. 12 cm“. Wenn das nicht deutsche Gründlichkeit ist! Integration fängt eben ganz unten an. Allah sei mit uns.

Quellen:

  • Multikulti auch auf dem Friedhof, Berliner Morgenpost vom 24.02.2008; URL: http://www.morgenpost.de/printarchiv/panorama/article165791/Multikulti_auch_auf_dem_Friedhof.html