Türkischer Friedhof Columbiadamm


Friedhof Columbiadamm Sehitlik Moschee

Türkischer Friedhof Columbiadamm (Herbst 2008)

Türkischer Friedhof Columbiadamm (Herbst 2008)

Sehitlik Moschee mit islamischem Friedhof  (Winter 2008/2009)

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Kein Muezzin für Springfield?


Die Simpsons und der Islam

Grünes Licht fällt auf die Evergreen Tarrace: Die erste Moschee in Springfield öffnet ihre Tore. Während Ned Flanders versucht, in den frühen Morgenstunden mittels Ohropax den Heimsuchungen des unchristlichen Gebetsrufs zu entkommen, macht sich Marge Simpson auf, ihre Familie für zivilgesellschaftliches Engagement bei der Einweihungsfeier der neuen Gebetsstätte zu begeistern. Ihr Mann Homer hingegen glänzt durch die Aufstellung eines Bier- und Hotdog-Standes zur Feier des Ramadan, und Lisa doziert über die Rolle der Frau in monotheistischen Religionen.

So oder ähnlich könnte man es sich ausmalen. Doch schaut man hinter die Kulissen der fiktiven Stadt Springfield irgendwo in den USA, sucht man nach dem Islam fast vergebens. Dabei wurde in der von Matt Groening 1987 geschaffenen Kultserie bisher so ziemlich jedes Thema mit einer ironisch-humoresken Betrachtung gewürdigt. Mit den Simpsons lassen sich komplexe naturwissenschaftliche Theorien ebenso einfach darstellen, wie große philosophische Menschheitsfragen oder gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Die Stärke der Serie liegt in ihrer subtilen Vorgehensweise. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben werden Umweltzerstörung angeprangert, religiöse Doppelmoral entlarvt und patriarchale Familienstrukturen kritisiert. Durch die Vielschichtigkeit der Charaktere können sich auch Nicht-US-Amerikaner mit der Serie identifizieren, die hinsichtlich kontroverser Themen angenehm entkrampfend wirkt. Doch warum fehlt der Islam? Während das Christentum in seiner eigentümlich US-amerikanischen Ausprägung in Person von Ned Flanders stilvoll karikiert wird, finden andere Religionen immerhin Erwähnung.

Leben die Simpsons und Muslime in zwei verschiedenen Welten? Nicht ganz: denn auch vor  arabischen Bildschirmen kam es kurzzeitig zum gelben Couchgag. Pünktlich zum Ramadan im Oktober 2005 wurde die Serie mit hohen Erwartungen vom medienmächtigen Sender MBC unter dem Namen „Al Shamshoon“ zur Primetime eingeführt. Die Lizenz der 20th Century Fox dürfte nicht billig gewesen sein. Doch sehr zum Ärger vieler arabischer Fans wurde das Original den Gepflogenheiten islamischer Länder entsprechend angepaßt: auch eine Fernsehserie, die konvertiert, nimmt neue Namen an. Homer heißt nun Omer, aus Bart wird Badr und Springfield erlebt als Rabeea einen neuen Frühling. Doch auch ganze Szenen wurden entsprechend geändert. Homer muß sittenkonform ohne Duffbeer und Bacon auskommen und darf sich statt dessen an Soda erfrischen. Sein Lieblingsort, die heruntergekommene Taverne Moe’s existiert erst gar nicht. D’OH!

Selbstredend wurden heiße Eisen wie die Folge „Homer the Heretic“ oder die Erwähnung der jüdischen Vorfahren von Krusty dem Clown nicht angefaßt. Aber man darf auch nicht zu viel erwarten. Was hier allzu flanderesk erscheint, hat doch einen konkreten Hintergrund. Entscheidend ist wohl der saudiarabische Markt. Nicht zuletzt geht es um Zielgruppe, Sendezeit und Quoten. Vier Tage nach Ramadan mußten die Shamshoons nach 34 von 52 Folgen den besten Sendeplatz schon wieder räumen. Zwar wurde der Adaption hinsichtlich der Besetzung der Synchronsprecher (der ägyptische Schauspieler Mohamed Henedy als Omer) einiges Geschick nachgesagt, doch geriet die Serie letztlich zum Flop. Allgemeiner Tenor: nicht lustig!

Wäre es nach einem der Skriptautoren, Amr Hosny, gegangen, hätte man aus der Serie weit mehr machen können: statt auf bizarre Weise Einzelheiten anzupassen, gab es am Anfang die Idee, aus Springfield ein fiktives „Little Arab Town“ zu machen. Dann hätte man auf jeden Fall plausibel machen müssen, warum mitten in Amerika eine ganze Community existiert, bei der durch kultursensible Anpassungen so viel Amerikanisches verloren gegangen ist. Doch Hosny konnte sich mit vielen Gestaltungsvorstellungen nicht gegen die saudischen Inhaber von MBC durchsetzen. Er nahm seinen Hut.

Aber welche Rolle spielt der Islam daheim in Springfield? Religion ist Dauerthema bei den Simpsons. In der Regel steht dabei das evangelikale protestantische Christentum im Mittelpunkt. Allerdings durfte auch schon der Hindugott Vishnu als Gaststar auftreten. Mit Krusty dem Clown, der sich in einer Folge mit seinem Vater, dem Rabbi Hyman Krustofski, versöhnt, ist das Judentum vertreten. Apu, der Besitzer des Supermarktes Kwik-E-Mart, ist Hindu. Mit Lisa Simpson wird der Buddhismus durch eine Hauptrolle besonders gewürdigt.

Doch gibt es keine Rolle für einen Muslim in Springfield. Bisher wurde der Islam als Religion nicht eigens thematisiert. Auch die Suche nach Simpsons-Zitaten in diversen Internet-Foren bringt nur wenige Resultate hervor. Diese nennen zudem den Islam in einem Atemzug mit anderen Religionen. Die Episode „Screeming Yellow Honkers“ läßt Homer ausrufen: „I’m gonna die! Jesus, Allah, Buddha, I love you all!“ und in der Folge „Grift of Magi“ setzt der Clown Krusty zum interreligiösen Rundumschlag an: „So, have a merry Christmas, happy Chanukha, kwazy Kwanza, a tip-top Tet, and a solemn, dignified Ramadan. And now a word from my god, our sponsors!“ In einem Ausflug nach Shelbyville, der Nachbarstadt von Springfield, kommen die Simpsons in der Folge „The Seven-Beer Snitch“ in den Genuß des „Song of Shelbyville“ in dem es heißt, daß gerade Shelbyville die Heimat von Christen, Muslimen und Juden sei, obgleich dies weniger für die letzten beiden gelte.

Angesichts der über zwanzigjährigen Geschichte der Simpsons muß ein Fehlen des Islam erstaunen. Die Fans hätte man gerade nach dem 11. September mit einem Feature zum Islam wohl kaum überfordert. Als Reaktion auf den „patriot act“ läßt sich wohl die Folge „Bart-Mangled Banner“ verstehen. In dieser Episode werden die Simpsons wegen unamerikanischen Verhaltens in ein Umerziehungslager gesteckt. Prominenter Mitinsasse: Michael Moore. Eben diese Folge karikiert auch stereotype Bilder typischer Straßenszenen in islamisch geprägten Ländern, wie sie in westlichen Nachrichten dominieren: eine frenetisch feiernde Menge reckt Homer-Bilder in den Himmel.

Nach Al Jean, dem Produktionsleiter der Simpsons, ist die Antwort simpel: Es gibt einfach keine Muslime im Produktionsteam. Da sich niemand für einen authentisch-islamischen Humor verantwortlich zeichnen könnte, übt man sich bisher in Zurückhaltung.

Quellen:

Mark I. Pincky, The Gospel according to the Simpsons, Westminster John Knox Press, Louisville, Kentucky, 2007

Yasmine El-Rashidi, Artikel: „D’oh! Arabized Simpsons not getting many laughs“, in: Pittburgh Post Gasette vom 14. Oktober 2005, URL: http://www.post-gazette.com/pg/05287/588741.stm

Richard Poplak , Artikel: „Homer’s odyssey – Why The Simpsons flopped in the Middle East“ in: Canadian Broadcasting Corporation, 25. Juli 2007, URL: http://www.cbc.ca/arts/tv/dubai.html

Integration von unten: Holzkreuze 100 Zentimeter


Auf deutschen Friedhöfen bewegt sich was. Führte das Thema „islamische Bestattungen“ in Deutschland bisher eher ein Schattendasein, gibt es laut „Berliner Morgenpost“ seit wenigen Jahren so etwas wie eine kleine Revolution: immer mehr Kommunen ermöglichen auf ihren Friedhöfen Bestattungen nach islamischem Brauch. Auch in Berlin prüft der Senat derzeit, ob das Berliner Bestattungsgesetz hinsichtlich zweier zentraler Aspekte noch zeitgemäß ist: der frühstmöglichen Beisetzung erst nach einer Frist von 48 Stunden und der Sargpflicht.

Gerade auch auf dem Friedhof zeichnet sich in Deutschland ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel ab. So sprach jüngst Prof. Dr. Reiner Sörries als Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel anläßlich der dortigen Fachtagung am 22. Februar zum Thema „Muslime in deutscher Erde“ von einem „Trend hin zu einem multikulturellen Friedhof“. Wird von Integration geredet, erfährt das Thema mittlerweile sogar bundespolitische Beachtung: sprach sich doch auch die vom Bundesinnenminister ins Leben gerufene „Deutsche Islam Konferenz“ auf ihrer 3. Sitzung am 13. März für vergleichbare Regelungen und Lösungsmöglichkeiten in den Ländern aus.

Doch was ist das Besondere an einer islamischen Bestattung? Der zu vollziehende Ritus ist eine komplexe Handlung, die je nach Tradition und Kultur islamisch geprägter Länder geringe Abweichungen erlaubt. Die islamische Religionsgemeinschaft in Hessen (IRH) beispielsweise stellt hierzu zur Orientierung einen kurzen „Konsens aller islamischen Rechtsschulen weltweit“ ins Internet: demnach gehören zu den rituellen Handlungen die Ganzwaschung des Verstorbenen durch eine Person des gleichen Geschlechts und die Bedeckung durch spezielle Leichentücher nach festgelegten Bestimmungen. Danach erfolgt das Totengebet unmittelbar vor der Beerdigung vorzugsweise auf dem Friedhof. Die Beerdigung des Verstorbenen sollte ohne Zeitverzögerung zum nächst möglichen Zeitpunkt erfolgen. Der Verstorbene wird im Grab auf die rechte Seite mit dem Gesicht Richtung Mekka gelegt. Die Anlage der Grabstätte sollte dieses hinsichtlich ihrer Ausrichtung ermöglichen. Auch wird der Verstorbene nur mit den Leichentüchern bedeckt ohne Sarg in die Nische des Grabes gelegt und beerdigt. Für Muslime ist ausschließlich die Erdbestattung erlaubt. Generell legen Muslime Wert auf ein separates Grabfeld. Dieses besteht in Deutschland meist aus einem eigens für islamische Bestattungen ausgewiesenen Teil auf einem kommunalen Friedhof.

Mittlerweile bestehen bereits ca. 200 islamische Grabfelder auf kommunalen Friedhöfen. Tendenz steigend. Noch allerdings werden ca. 90% aller verstorbenen Muslime in ihre ursprünglichen Heimatländer überführt. Eine Beisetzung in Deutschland ist alles andere als der Regelfall. Bei den hier beigesetzten Personen handelt es sich vor allem um Kinder, deren Eltern in Deutschland eine dauerhafte Heimat gefunden haben. Bei hier bestatteten Erwachsenen ist häufig eine Beisetzung im Heimatland aus verschiedenen Gründen nicht möglich.
Welche Faktoren spielen bei der Wahl des Bestattungsortes eine Rolle? Bei Einwanderern der älteren Generation kommen emotionale Verbundenheit mit dem Heimatland und familiäre Bindungen zum Tragen. Aber auch die Frage nach den Kosten und der finanziellen Absicherung im Sterbefall spielt eine Rolle. Denn eine Überführung ins ehemalige Heimatland ist oftmals preisgünstiger als eine Bestattung in Deutschland.
Doch auch kulturelle und religiöse Hindernisse lassen muslimische Mitbürger von einer Beisetzung ihrer Verstorbenen auf deutschen Friedhöfen Abstand nehmen. So stehen deutsche Bestattungsgesetze in einigen Punkten im Widerspruch zu den Vorstellungen der islamischen Tradition. Deutsche Friedhöfe sehen für Gräber eine begrenzte Ruhezeit von ca. 20-25 Jahren vor, die zudem auf einfachen Reihengräbern nicht verlängert wird. Um die Möglichkeit eines Scheintods auszuschließen, wird in der Regel erst nach einer Frist von 48 Stunden beigesetzt. Meist ist die Verwendung eines Sarges aus hygienischen Gründen strikt vorgeschrieben.

Trotz dieser Unterschiede wählt ein kleiner aber zunehmender Teil der hier lebenden Muslime ganz bewußt Deutschland als Bestattungsort. So haben Muslime gelernt, sich auf die hiesigen Bedingungen einzustellen. Mittlerweile hat sich im Bereich „islamische Bestattungen“ sogar ein professioneller Gewerbezweig mit einem entsprechenden Dienstleistungsangebot entwickelt. Da eine Fatwa der „Akademie für islamisches Recht in Mekka“ die Beisetzung in Holzsärgen in Ausnahmefällen ermöglicht, bietet die islamische Abteilung des größten deutschen Bestattungsinstituts mittlerweile den „islamischen Sarg mit islamischer Sargdecke“ aus unbehandeltem Vollholz an.

Das Bestattungswesen ist Angelegenheit der Bundesländer. Einige haben schon die Zeichen der Zeit erkannt und in Puncto „islamische Friedhöfe“ weitgehende Umwälzungen veranlaßt. Inzwischen lassen manche Bundesländer Ausnahmen von der 48-Stunden-Regelung zu. Auch die Bestattung nur in Leichentüchern ist mancherorts bereits möglich. Und Berlin? In der Hauptstadt haben islamische Bestattungen schon lange Tradition. Der historische Türkische Friedhof am Columbiadamm ist der älteste islamische Friedhof in Deutschland. Doch der gehört der Türkei und auf diesem wird nicht mehr beigesetzt. Für islamische Bestattungen auf dem angrenzenden landeseigenen Friedhof Columbiadamm und dem Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau gilt: Bestattung im Sarg und keine Ausnahme von der 48-Stundenfrist aus religiösen Gründen.

Doch jüngst hat eine parlamentarische Anfrage der Angelegenheit neues Leben eingehaucht. Nun will der Senat „prüfen“, ob alternative Regelungen aus anderen Bundesländern übernommen werden können. Bleibt zu hoffen, daß dem auch Taten folgen und nicht wieder eine gute Idee nach kurzer Zeit zu Grabe getragen wird. Denn in Deutschland soll ja auch auf dem Friedhof alles seine Ordnung haben. Besonderen Tiefgang beweist schon jetzt der Friedhof in Spandau: In den 1998 eigens für die islamische Abteilung erlassenen Gestaltungsvorschriften heißt es unter anderem zum Thema „Grabmalvorschriften“ im Absatz „c“:  „Holzkreuze – Höhe 100 cm, Breite 60 cm, Stärke bei Bohlen mindestens 4 cm, Stärke bei Kanthölzern mind. 12 cm“. Wenn das nicht deutsche Gründlichkeit ist! Integration fängt eben ganz unten an. Allah sei mit uns.

Quellen:

  • Multikulti auch auf dem Friedhof, Berliner Morgenpost vom 24.02.2008; URL: http://www.morgenpost.de/printarchiv/panorama/article165791/Multikulti_auch_auf_dem_Friedhof.html